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Was, wenn die Antwort nicht oben bei der Vernunft liegt und nicht unten beim Trieb, sondern auf dem schmalen Pfad dazwischen?

«Lifäreä nid lafärä.»
Liefern, nicht labern.

Die erste Reise zeigte die Trennung in der Welt. Herrschaft, die teilt, um zu herrschen. Dabei die kühlen Houyhnhnms oben und die rohen Yahoos unten.
Die zweite Reise drehte die Kamera nach innen und fand denselben Riss im einzelnen Menschen, der sich selbst spaltet und das Tragen wegschiebt.

Zweimal Diagnose und zweimal mit dem Finger auf die Wunde.

Doch wer nur seziert, bleibt selbst ein Houyhnhnm.
Klug, korrekt, und ohne eine einzige Tat. Irgendwann ist genug geschaut, denn irgendwann muss geliefert werden.

Diese dritte und letzte Reise fragt also nicht mehr, was schiefläuft.
Diese dritte und letzte Reise fragt, wie man es formt.

Dabei liegt die Antwort weder oben noch unten. Die Antwort liegt auf dem Grat.


Der heilige Grat

Es gibt ein Wortspiel, das zu schön ist, um es liegen sowie ungenannt zu lassen.
Der heilige Gral, das ersehnte Gefäss, nach dem die Ritter zogen – und der heilige Grat, der schmale Felsrücken hoch oben, links und rechts der Abgrund.

Sprachlich haben die beiden nichts miteinander zu tun. Der Eine kommt aus dem Altfranzösischen, der Andere aus dem Germanischen. Aber im Klang treffen sie sich … und im Bild erst recht.

Denn der wahre Gral ist der Grat.
Nicht das Gefäss am Ende der Suche, sondern der Pfad selbst.

  • Oben thront der Houyhnhnm in seiner reinen Vernunft, eine Überdosis, kalt und unberührbar.
  • Unten wühlt der Yahoo in seinem reinen Trieb, eine Überdosis, blind und getrieben.

Beide für sich sind zu viel des einen und nichts vom anderen.
Der Grat ist die einzige Linie, auf der man beide Welten sieht, ohne in eine zu stürzen.

Gulliver hat das nicht ausgehalten.
Er kletterte zu den Pferden hinauf, verachtete die Menschen und blieb oben und glitt in den Absturz in die eine Reinheit. Doch es gibt einen anderen Weg, und er heisst, beide Hände zu gebrauchen.

Wie sich so ein Grat anfühlt, weiss man erst, wenn man darauf gestanden hat.
Bei der Tavolata am Stadtfest Dietikon im letzten Jahr (Herbst 2025), einer «kulinarischen Reise durchs Limmattal» mit 100 Gästen pro Durchführung in 4 Durchführungen, übernahm ich das Projekt rund zwei Monate vor dem ersten Gang.

Auf der einen Seite ein Mensch, für den es nur eine einzige Wahrheit gab, nämlich seine. Rechthaberisch, kompromisslos und einer, der das Ganze beinahe zum Scheitern gebracht hätte mit seiner Art. Auf der anderen Seite die Partner, der Koch mit Crew, die Produzenten, die Gaststädte, die Nachbaren etc., alle mit eigenen Vorstellungen, eigenen Sorgen sowie eigenem Tempo.

Genau hier zeigt sich, was der Grat verlangt.
Nicht das sture Beharren auf der einen Wahrheit … das war ja das Problem, nicht die Lösung.
Gefordert und bitternötig war die Kunst des Mäanderns.

Ein Fluss kommt auch nicht schnurgerade ans Meer, er windet sich, weicht aus, findet seinen Weg ums Hindernis und kommt doch an. Verhandeln auf Augenhöhe, mit Respekt und mit der nackten Wahrheit dort, wo es um Fakten geht. Nicht um sich grösser zu machen und erst recht nicht, um jemandem etwas vorzulügen … sondern weil ein Fakt ein Fakt bleibt … basta.

Beide Hände im Spiel. Die eine fest auf den Tatsachen, die andere offen für den Menschen.
So kam die Tavolata an ihr Ziel, und niemand musste dafür von seinem Abgrund stürzen.

Das eine tun und das andere nicht lassen

Ambidextrie oder auf gut Deutsch … Beidhändigkeit und das schöne alte Prinzip, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen.

Der Mensch neigt zum «Entweder-oder»:

  • Kopf oder Bauch.
  • Planen oder handeln.
  • Sehen oder liefern.
  • Tun oder lassen.

Just hier liegt der Denkfehler, der die ganze Trilogie durchzieht.

Es ist kein «Entweder-oder».
Es ist ein «Sowohl-als-auch.»

Der Metaformist liefert wie einer, der zupackt, und er sieht wie einer, der innehält.
Nicht nacheinander, sondern im selben Atemzug. Also zeitgleich und als gelebte Ambidextrie.

Das ist kein Kompromiss und erst recht kein lauwarmes Dazwischen als Kompromies. Es ist die volle Kraft beider Seiten zugleich.

  • Wer nur sieht, erstarrt im Schauen zur Salzsäule.
  • Wer nur liefert, rast mit Scheuklappen in die Wand.
  • Wer beides kann, der formt.

Formen ist genau das, was übrigbleibt,
wenn man aufhört zu trennen und anfängt zu gestalten.

Das Pferd, der Falke, die Eule

Drei bewusst-zufällig gewählte Tiere erzählen, wie das aussieht.

Da ist das Hürlimann-Ross, der Kaltblüter, welcher durch das Chaos von Zürich die schweren Fässer zog.
Mit Scheuklappen am Kopf, damit es nichts erschüttert und damit es geradeaus liefert.

Und jetzt der wichtige Satz – es geht nicht darum, dieses Pferd zu verurteilen.
Das Ross braucht seinen Fokus, denn ohne die Scheuklappen käme es nie durch Lärm und Wirrwarr.
Es ist nicht dumm, es ist richtig für seine Last.

Es gibt Stunden und Tätigkeiten, da ist der Tunnelblick die klügste Tugend von allen.

Doch der Metaformist trägt keine Scheuklappen.
Der Metaformist ist der Falke, der nicht in den Käfig gehört, sondern in die luftige Höhe, wo er die Thermik nutzt und mit Argusauge über das ganze Feld blickt.

Von oben sieht er, was das Pferd am Boden nie sehen kann.
Das ist die Metaebene, der Blick aus der Höhe, der das Ganze erfasst statt nur den nächsten Schritt.

Und – der Mataformist ist die Eule, die den Kopf quasi im Kreis dreht, fast 360°, ohne den Körper zu rühren. Der Rundumblick, der Perspektivwechsel ohne Standortwechsel. Wie das Pivot eines Krans, der fest steht und gerade deshalb galant jede Last hebt und ans Ziel verfrachtet. Der Kran bewegt sich, weil seine Basis ruht. Die Eule sieht alles, weil ihr Hals sich dreht, wo andere sich umdrehen müssten.

Pferd, Falke, Eule.
Fokus, Höhe, Drehung.

Der Metaformist verachtet keines davon. Er weiss nur, wann welches dran ist.

Homöopathisch, nicht in Überdosis

Hier liegt der kleine und zugleich feine Unterschied, der alles entscheidet, und er ist zudem die Antwort auf die erste Reise.

Die Houyhnhnms und die Yahoos sind nicht falsch, weil sie Vernunft oder Trieb verkörpern.
Die Houyhnhnms und die Yahoos sind falsch, weil sie selbst eine Überdosis sind.

Reine Vernunft erstarrt zu Eis.
Reiner Trieb verbrennt im Chaos.

Gift ist beides erst in der vollen Dosis.
Homöopathisch vereint aber, ein Tropfen Vernunft im Handeln gepaart mit einem Funken Leidenschaft im Denken, wirken sie galant.

Das ist das Geheimnis des Grats. Nicht die eine Seite besiegt die andere. Sie werden dosiert ineinander verwoben.
Damit sind wir bei dem Symbol, das diese ganze dreiteilige Reise von Anfang an gesucht hat.

Yin und Yang, das verschränkte Ganze

Die erste Reise begann mit dem Trennen, dem «Divide et impera» als Teile und herrsche.

Drei Reisen lang ging es darum, was das Trennen anrichtet, in der Welt und im Menschen.

Am Ende nun steht das Bild, das nicht nur verbindet, sondern das Getrennte unauflöslich verschränkt.

Yin und Yang.

Schwarz und Weiss, ineinander geschwungen und keine gerade Linie dazwischen.
Doch das eigentliche Wunder sind die zwei Punkte – im Schwarzen ein weisser Punkt, im Weissen ein schwarzer.

Jede Seite trägt den Keim der anderen in sich.

  • Es gibt kein reines Oben ohne ein Körnchen Unten.
  • Es gibt kein reines Licht ohne einen Funken Schatten.

Das ist die vollendete Absage an «divide et impera»:

Im Houyhnhnm steckt ein Punkt Yahoo,
im Yahoo ein Punkt Houyhnhnm,
und der Mensch auf dem Grat trägt beide.

Dazu Ubuntu aus der zweiten Reise, mit seiner Bedeutung «ich bin, weil wir sind.»
Das Wir, das nicht trennt, sondern einbezieht. Echte Inklusion, und damit ist nicht das bunte Kostüm gemeint, das man sich überstreift, sondern die schlichte, harte Arbeit, das Aussen verstehen zu wollen, statt es abzuurteilen.

Yin und Yang energetisch,
Ubuntu menschlich.
Zwei Kulturen und ein Gedanke.

Das Verschiedene ist nicht der Feind, das Verschiedene ist die andere Hälfte.

Wissen, Erfahrung, Können

Und wie wird der Mensch zu diesem Beidhändigen, der Ambidextrie?
Bestimmt nicht über Nacht und erst recht nicht durch ein Seminar.

Es gibt eine Gleichung, schlicht und unbestechlich:

Wissen + Erfahrung = Können.

  • Wissen allein ist der Houyhnhnm, der alles weiss und nichts kann.
  • Erfahrung ohne Wissen ist der Yahoo, der drauflosstürmt und nichts begreift.

Erst beide zusammen ergeben Können, die Fähigkeit, zu liefern und zu sehen zugleich.

Und jetzt das Schönste, der Motor, der nie stillsteht…
Das erlangte Können wird zu neuem Wissen, und dieses Wissen wird mit neu erlangter Erfahrung angereichert.
Das Wissen speist das nächste Können, und der Kreis dreht sich weiter.

Ein Perpetuum mobile,
angetrieben von nichts als dem Mut,
beides zu tun und nichts zu lassen.

So formt der Metaformist. Nicht von einer Kanzel herab, nicht mit einem Dogma in der Hand.

Wer formt, meisselt kein Denkmal, das für die Ewigkeit erstarrt.
Wer formt, bleibt beweglich, dreht den Kopf wie die Eule, steigt auf wie der Falke und packt zu wie das Ross.

Ein Sanktuarium wäre der Tod der Beweglichkeit. Die Metaebene ist kein Tempel, sie ist eine Werkstatt.

Was bleibt und was beginnt

Drei Reisen.
Die erste zeigte die Trennung in der Welt.
Die zweite fand sie im eigenen Spiegel.
Diese dritte führt nun hinaus, auf den Grat, wo beide Hände gebraucht werden.

These, Antithese, Synthese.

Die Welt, das Ich und das beidhändige Handeln, das beide zusammenführt.
Nicht durch noch mehr Grübeln, sondern durch Können, das aus Wissen und Erfahrung gedeiht und immer weiterwächst.

Du musst nicht der erhabene Falke oder die allwissende Eule sein und nicht das fokussierte Ross.
Du darfst alles sein, je nach Stunde, je nach Last und geforderte Situation.

Du darfst sehen und liefern.
Du darfst auf dem Grat stehen, beide Abgründe im Blick und gerade deshalb keinen Schritt fürchten.

Denn:

wer beide Welten in sich trägt,
den wirft keine aus der Bahn.

Das ist keine Last, die auf dir liegt.
Das ist eine Kraft, die in dir schlummert und gedeiht.

Die Vernunft und die Leidenschaft, der Fokus und der Weitblick, das Ich und das Wir … sie sind nicht deine Gegner, die du schlichten musst. Sie sind deine beiden Hände. Gebrauche sie.

Wohin du von hier aus gehst, zeigt dir kein Gral und kein Grat und erst recht kein Buch.

Aber du gehst nicht mehr mit Scheuklappen, sondern ab nun gehst du mit offenen Augen, beidhändig, aufrecht – und das ändert alles.

La vita è bella. 😎
Herzichst, dein Maurizio und passionierte Metaformist

Für dich

Wer in den eigenen Spiegel geschaut hat, sah vieles und wird auch künftig noch vieles sehen.
Wer dem toten Winkel entwuchs, sucht manchmal einen dritten und weiteren Blick.

Genau dort wirke ich.
Als Metaformist forme ich auf der Metaebene, einen Schritt zurück, dorthin, wo das ganze Bild sichtbar wird. Nicht als einer, der dir die Wurzelarbeit abnimmt, sondern als einer, der mit dir hinschaut, wo dein eigener Winkel nicht hinreicht. Gehhilfe, nicht Ersatzbein.

Indikator, nicht Lösung von der Stange. Den Weg gehst du selbst, das bleibt so. Aber gehen musst du ihn nicht allein, ich begleite dich auf deiner «Gral- oder Gratwanderung».

Wenn das in dir nachhallt, schreib mir. Vielleicht ist der erste Schritt ein Gespräch.

Dieser dritte Gedankenausflug ist ebenso auf LinkedIn in gekürzter Form zu lesen.
Dahin gelangst du mit einem Klick auf den Link hier rechts: https://www.linkedin.com/posts/mauriziotondoloone_selbstreflexion-philosophie-ambidextrie-activity-7477594391205838848-tCzw?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAAAwFwl0BaSGt0XzH4-0a4YXosJhldrfAGBI