Was, wenn die grösste Dummheit nicht im Nichtwissen läge, sondern im Trennen?
Es gibt Bücher, die man als Kind liest und als Abenteuer abheftet. Riesen, Zwerge, sprechende Pferde und mehr. Dann gibt es den Moment, manchmal Jahrzehnte später wie bei mir, in dem eine Passage daraus wieder hochkommt und einen wachrüttelt, weil man plötzlich versteht, dass das nie ein Kinderbuch war.
Jonathan Swift hat 1726 keine Reisegeschichte geschrieben. Er hat einen Spiegel gebaut und ihn als Roman getarnt. Wer «Gullivers Reisen» für Satire über ferne Länder hält, hat die Pointe doch merklich verpasst, denn das ferne Land ist immer das eigene. Und – die grenzenlose Dummheit, die Swift seziert, ist nie die der anderen. Die umschriebene grenzenlose Dummheit ist inklusiv, also einschliessend gemeint. Auch der Leser, der zustimmend nickt, steht im Bild und ist Hauptdarsteller.
Was Swift über Dummheit zu sagen hat, ist unbequemer, als es zunächst scheint. Es geht ihm nicht um den Mangel an Verstand. Es geht vielmehr um etwas, das viel klüger aussieht und viel gefährlicher ist.
Die Mechanik der Trennung
Beginnen wir nicht beim Menschen, sondern beim Räderwerk resp. dem System, in dem er steckt.
Es gibt einen Satz, der so alt ist wie die Herrschaft selbst.
«Teile und herrsche.»
«Divide et impera.»
Man liest ihn meist als zynische Anweisung an Mächtige, ein Volk gegeneinander auszuspielen. Das ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist subtiler und beständiger, denn sie funktioniert auch ohne bösen Willen, ganz von allein und nicht orchestriert, als stille Architektur jeder grossen Struktur.
Die Trennung, die wirklich trägt, verläuft nämlich nicht zwischen Gruppen, sondern sie verläuft zwischen dem Entscheiden und dem Tragen.
«Wer eine Last beschliesst, trägt sie selten selbst.
Wer sie trägt, hat sie selten beschlossen.»
Zwischen diesen beiden liegt eine Kluft, und in dieser Kluft wohnt fast alles Leid, das Menschen einander zufügen.
Nicht, weil oben die Bösen sässen und unten die Guten, sondern weil die Verbindung zwischen Ursache und Folge gekappt ist.
«Der Entscheidende spürt das Gewicht nicht.
Der Tragende kennt den Grund nicht.»
Swift hat dafür ein Bild gefunden, das schärfer ist als jede Abhandlung. In seinem letzten Buch trifft Gulliver auf zwei Wesen:
- Oben die Houyhnhnms, vernunftbegabte Pferde, kühl, klar, porentief rational und vollkommen ohne Wärme.
Sie wissen alles und fühlen nichts. - Unten die Yahoos, verrohte Menschenwesen, getrieben von Gier und Trieb, die alles spüren und nichts begreifen.
«Die einen entscheiden, ohne zu tragen.
Die anderen tragen, ohne zu wissen warum.»
Das ist keine Fabel über Pferde.
Das ist die Anatomie jeder Ordnung, in der die Vernunft sich von der Empfindung gelöst hat. Just hier lohnt das Innehalten….
«Was, wenn reine Vernunft ohne Wärme
auch eine Form von Dummheit wäre?»
Vielleicht sogar die gefährlichste, weil sie sich für Klugheit hält und sich gut begründen kann.
Der Riss im System
Wäre das die ganze Geschichte, bliebe nur Resignation. Oben die Kalten, unten die Blinden, dazwischen die Kluft. So läuft es, so lief es immer….
Doch es gibt einen Riss in dieser Mechanik, und er ist bereits erstaunlich präzise vermessen.
Die Politikwissenschaftlerin @Erica Chenoweth hat über Jahrzehnte hinweg Bewegungen untersucht, die Herrschaft verändert haben. Das Ergebnis ist eine Zahl, die seither ihren Weg durch die Welt macht. Wenn etwa dreieinhalb Prozent, ja genau – 3.5%, einer Bevölkerung sich aktiv und anhaltend engagieren, kippt das System.
Es kippt nicht durch Gewalt, im Gegenteil, gerade die gewaltfreien Bewegungen waren die erfolgreichen. Dreieinhalb% genügen, wenn sie wissen, warum sie stehen.
Haargenau hier schliesst sich der Kreis zur Mechanik der Trennung:
Die Yahoos ziehen in den Krieg,
weil sie nicht wissen, warum sie tragen.
Sie sind Masse, weil ihnen das ehrliche Warum genommen wurde. Gäbe man es ihnen zurück, oder nähmen sie es sich, dann wären sie keine Yahoos mehr.
Dann würden aus Tragenden Handelnde.
Es gibt einen Gedanken, der diese ganze Bewegung in einem Satz fasst:
«Wer weiss, warum er trägt,
lässt sich schwerer erschüttern
als wer nur weiss, für wen er trägt.»
Das FÜR WEN macht abhängig – Das Warum macht frei.
Vielleicht sind die 3.5 Prozent gar nicht die Mutigsten oder die Stärksten.
Vielleicht sind die 3.5% einfach diejenigen, die ihr Warum gefunden haben.
Ein kleiner Unterschied, der ein ganzes System kippen kann.
Der glänzendste Spiegel
Bis hierher liesse sich der Text bequem lesen. Eine Diagnose der Welt da draussen, der Mächtigen, der Strukturen. Man könnte sogar nicken und sich auf der richtigen Seite wähnen.
Doch genau das ist die Falle, die Swift gestellt hat.
Seine eigentliche Bosheit ist nicht, dass er die Mächtigen entlarvt, sondern dass er niemanden ausnimmt.
Gulliver, der am Ende seiner Reise so angewidert ist von der Menschheit, dass er lieber mit Pferden im Stall spricht als mit seiner eigenen Familie, ist nicht der weise Beobachter. Er ist selbst zur Karikatur geworden resp. verkommen.
Er hat so lange auf die Yahoos herabgeschaut, bis er ihre kalte Spiegelung wurde, ein Houyhnhnm im Menschenkörper, allwissend und lieblos.
Wer Swift liest und denkt, wie wahr, die Leute sind dumm, hat ihn missverstanden.
Die Pointe ist, dass wir uns für die Ausnahme halten. Ja, jeder zustimmende und nickende Leser ist damit gemeint.
Und damit wird der Spiegel persönlich.
Beim Blick auf Herrschaft und Krieg, auf die Kälte oben und die Blindheit unten, ist die erste Regung ein Urteil.
Was seid ihr für niedere Gestalten. Diese Regung kennt jeder, der ehrlich ist zu sich selbst. Dabei fühlt sie sich an wie eine Sünde, kaum ist sie gedacht.
Doch hier liegt eine feine, entscheidende Unterscheidung, und just sie ist der schmale Grat, auf dem alles balanciert.
Die Struktur durchschauen ist erlaubt – sie ist sogar nötig.
Den einzelnen Menschen verdammen ist das, was Gulliver am Ende kaputtmacht.
Das eine ist Diagnose, das andere ist Verachtung:
- wer das Räderwerk benennt, sitzt auf dem Grat,
- wer hingegen die Seelen verurteilt, stürzt in den Abgrund, in dem Gulliver verschwindet.
Der unbequeme Spiegel ist der glänzendste und sauberste aller Spiegel.
In diesen Spiegel hineinzuschauen tut weh, die Dornen schmerzen.
Dennoch trübt er nicht, und das ist seine Gnade.
Ur-teilen
Und damit zur Wendung, die den ganzen Weg von vorne neu beleuchtet.
Im Wort Urteil steckt das Teilen.
Sprachgeschichtlich meint das alte «Urteili» das Zuteilen und das Auseinanderlegen.
Urteilen heisst, etwas zu trennen, das ursprünglich zusammengehörte.
Woher die Dreistigkeit nehmen, zu teilen, was eins war?
Das ist mehr als ein Wortspiel, es ist vielmehr die Brücke zurück zum Anfang.
«Divide et impera», das berühmte «teile und herrsche», ist nichts anderes als das Urteil im grossen Massstab.
Herrschaft beginnt mit Trennung, und dabei ist jedes kleine private Urteil über einen Menschen dieselbe Bewegung im Kleinen, das Heraustrennen aus dem Ganzen, das Aburteilen.
Dem lässt sich etwas entgegensetzen – es ist die Umkehrung der ganzen Mechanik:
- Nicht trennen, sondern verbinden und vereinen.
- Nicht richten, sondern erfassen, begreifen und verstehen.
Wie sähe eine Haltung aus, die das verkörpert? Vielleicht so:
Man betrachtet einen Menschen, eine Lage, einen Konflikt nicht von einem einzigen Standpunkt aus, von dem aus sich bequem urteilen lässt. Man umkreist das Objekt wie ein Scanner, von allen Seiten, aus jeder Perspektive, bis man es nicht mehr beurteilt, sondern versteht.
Ein Scanner urteilt nicht.
Ein Scanner erfasst und nimmt auf,
was ist, vollständig, ohne herauszutrennen.
Das ist der Gegenentwurf zu Gullivers Absturz. Gulliver wählte zwischen den Welten und verachtete eine.
Die andere Möglichkeit ist, galant zwischen den Welten zu tanzen, ohne in einer zu verschwinden. Dabei elegant auf dem Grat zu bleiben, der die Houyhnhnms von den Yahoos trennt, und gerade nicht hinabzusteigen in die eine oder andere reine Form.
Dort oben ist es kalt, dort unten ist es blind.
Auf dem Grat ist es schmal, aber dort allein lässt sich Mensch sein.
Was bleibt
Swift hat seinen Figuren die Synthese bewusst verweigert.
Die Yahoos wissen nichts, sie reagieren nur.
Die Houyhnhnms wissen alles, fühlen aber nichts.
Der Mensch dazwischen, der trägt und weiss warum, der versteht, ohne zu urteilen, der verbindet, statt zu trennen, diese Figur kommt im Roman nicht vor. Swift hat sie ausgespart, vielleicht weil er sie zu seiner Zeit für unmöglich hielt oder vielleicht gar als stille Aufgabe an den Leser.
Gulliver darf wiederaufleben.
Nicht als Menschenverächter, der sich in den Stall zurückzieht, sondern als einer, der gesehen hat, was ist und trotzdem zurückkehrt.
Als einer, der das Räderwerk durchschaut und die Menschen darin nicht verdammt.
Als einer von den 3.5% (dreieinhalb Prozent), die ihr Warum gefunden haben.
Vielleicht liegt die grösste Dummheit gar nicht im Nichtwissen.
Vielleicht liegt die grösste Dummheit im Trennen dessen, was zusammengehört.
Und – vielleicht ist die stillste Klugheit nichts anderes als das Verbinden.
Das zu entscheiden, steht jedem selbst zu.
In den Spiegel zu schauen, tut weh. Die Dornen schmerzen. Wer den Schmerz aushält und trotzdem nicht in Verachtung kippt, sieht womöglich etwas, das Gulliver nie sah.
Wohin man von dort aus geht, zeigt kein Buch und kein Spiegel. Den Weg geht jeder allein.
Sind wir doch alle ein bisschen Gulliver?
Ich inklusive….und nicht ausgeschlossen.
Bereit für «Gulliver-Reloaded Version 2026ff?»
Ich schon….
La vita è bella. 😎
Herzlichst, dein/euer Maurizio
Was nun?
Zu Gulliver von Jonathan Swift gedenke ich noch weitere Gedankenreisen als Blog hier zu veröffentlichen.
Jeder Blick in diesen Spiegel, sofern der Blick ehrlich und unverblümt sowie nicht von Narzisten und ihrem Compagnons erfolgt, schwerzt und zeit VIEL über einem selbst auf.
Somit – je nachdem, wie ich mit meinen Erkenntnissen aus dieser Reise die Verarbeitung durchleben, kommt dies früher oder später.
DOCH – …. sie kommt, die Betrachtung #2.
Falls du mit mir über Gulliver, unsere neuzeitlichen Houyhnhnms und Yahhos sprechen magst, diesen Blog-Artikel habe ich auf LinkedIn in stark gekürzter Form publizieren.Dahin gelangst du mit einem Klich auf den folgenden Link: https://www.linkedin.com/posts/mauriziotondoloone_selbstreflexion-philosophie-selbstverantwortung-activity-7475057558693752832-Rbo_?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAAAwFwl0BaSGt0XzH4-0a4YXosJhldrfAGBI.
Denn eins ist klar, ich als durch-und-durch Metaphormist forme und kreiere ich gerne in der Meta-Ebene. Dies für dich, dein Unternehmen, dein System und dein wertvollstes in deiner Firma …. deine TRUMPFE im System.
Denn in JEDER Firma, in JEDEM Menschen gilt es, zu spiegeln und darauf zu achten, nicht im Stalle der Houyhnhnms oder in der Welt der Yahoos zu verkommen. Der Grat ist ein Schmaler, ja – doch die Balance auf diesem «holy grail» lohnt sich.
Tschüss, dien Metaphormist der tondolo.one gmbh in Zürich – aka Maurizio Tondolo
LI-Profil: www.linkedin.com/in/mauriziotondoloone