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Rainy Weekend – 22. & 23.10.2026 – by Maurizio Tondolo

Cui bono

Zwei lateinische Wörter, schärfer als manches Gutachten. «Cui bono» – wem nützt es?
Neudeutsch heisst das «follow the money» und gemeint ist dasselbe.
Wer wissen will, wie eine Gesellschaft tickt, hört nicht auf ihre Sonntagsreden, sondern schaut, wohin am Montag das Geld fliesst.

Diese Woche sass ich am «Sustainable Switzerland Forum 2026», welches leider zum letzten Mal in dieser Form stattfand.
Auf der Bühne stand Mariana Mazzucato, Ökonomin am University College London. Selten hat mich eine Keynote so gepackt.
Kurz darauf durfte ich in eine noch unveröffentlichten Premiere eines Dokfilms über die Geschichte des Geldes in der Schweiz reinschauen. 550 Jahre zurück, von Schloss Burgdorf über Schloss Lenzburg bis Morgarten und Schweizer Säldnern aus dieser Epoche..

Zwei Erlebnisse und eine Frage.
Diese Frage führt, so viel sei verraten, direkt an die Ladenkasse im eigenen Dorf.

Der Troll unter der Brücke

Mazzucatos Kernbotschaft ist so einfach wie unbequem.
Solange Politik und Wirtschaft Nachhaltigkeit als «Compliance-Übung» oder Kostenfaktor behandeln, scheitert die Transformation.

Nachhaltigkeit muss Antrieb sein, nicht Pflichtfach.

Das Bild, das bei mir hängen blieb, ist ein anderes. Mazzucato unterscheidet scharf zwischen Profit und Rente.
– Profit entsteht, wenn jemand echten Wert schafft, etwas erfindet, herstellt und/oder verbessert.
– Rente entsteht, wenn jemand nur abzweigt, ohne selbst etwas beizutragen.

Ihr Bild dafür ist der Troll unter der Brücke, der von allen Passanten Wegzoll verlangt.

Und da wurde der Dokfilm plötzlich hochaktuell. Auf den Burgen unseres Landes Schweiz sassen genau solche Trolle.
Wer Münzen schlug, Brückenzoll und Abgaben erhob, sass am längeren Hebel. Die Eidgenossenschaft ist auch die Geschichte von Talschaften, die sich nicht mehr von fremden Herren abschöpfen lassen wollten.

Mazzucatos Troll ist also kein Import aus London, er ist ein alter Bekannter. 😉

Wo das Geld entsteht

Follow the money heisst nicht bloss zu schauen, wohin das Geld fliesst. Es heisst auch schauen, wo es entsteht.
Das Geld entsteht jeden Tag, beim Gipfeli, beim Gemüse, beim Kaffee am Bahnhof, beim Volltanken, beim Behördengang, etc..

Bei jeder Kartenzahlung zahlt der Laden und Dienstleistungsanbieter einen Prozentsatz.
Wer GROSS ist, verhandelt bessere Konditionen.
Die Dorfbäckerei zahlt prozentual also mehr als der Grossverteiler nebenan.

Das Geld verlässt die Kasse, das Dorf, oft das Land und versickert in der Anonymität.

Der Troll steht heute nicht mehr auf der Brücke,
er sitzt an der Kasse.

Gleichzeitig zeigt die Statistik, wohin der Strom läuft.
Das reichste Prozent besass 2022 45,8 Prozent der steuerbaren Vermögen, langfristig mit steigender Tendenz.

Ehrlicherweise sei gesagt, die Kartengebühren erklären diese Zahl nicht allein.
Der grosse Strom kommt aus Kapitalerträgen, Erbschaften und Steuerpolitik, so erklären gesunkene kantonale Vermögenssteuern rund einen Viertel des Anstiegs.

Die Gebühren sind das tägliche Tropfen den wir mitbestimmen können. Sie sind nicht der Fluss.

Aber gerade dieses Tropfen ist spannend, weil es sichtbar wird. An der Kasse wird «cui bono» für jede und jeden erlebbar.
Wer es einmal gesehen hat, schaut auch beim PK-Vorsorgeausweis allenfalls genauer hin.

Unsere Pensionskassen investieren nämlich oft in genau jene «Shareholder-Value»-Logik, die Mazzucato kritisiert.

«Follow the money» führt manchmal direkt zu uns selbst.

Drei Ecken statt Huhn und Ei

Jedes neue Zahlungsmittel kennt das alte Spiel.
Die Kundschaft zahlt mit dem, was der Laden akzeptiert und der Laden akzeptiert, was die Kundschaft nutzt.

Wer wartet auf wen?

Bei VERD sind es nicht zwei Seiten, sondern drei.
Nämlich:

  • Die Händler, die VERD akzeptieren.
  • Die Genossenschafterinnen und Genossenschafter als KUnden, die damit einkaufen und
  • die Gemeinden, die sich wünschen, dass das Geld dorthin zurückfliesst, wo die Menschen leben, arbeiten, ihre Kinder in den Kindergarten bringen und schlussendlich die Steuern berappen.

Ein Dilemma hat zwei Hörner – ein Dreieck hat drei Ecken und eine davon kann vorangehen.
Wenn eine Gemeinde Gebühren, Eintritte oder Gutscheine über VERD abwickelt, entsteht ein Anker, an dem sich Händler und Kundschaft festhalten können.

Genau hier schliesst sich der Kreis zu Mazzucato.
Sie hält die alte Gegenüberstellung von Staat und Markt für irreführend, weil Märkte immer aus Entscheidungen öffentlicher und privater Akteure entstehen.

Wer den Staat nur als Reparaturdienst für Marktversagen sieht,
bekommt Hilfe, die oft zu wenig ist und zu spät kommt.

Eine Gemeinde, die von Anfang an mitgestaltet, macht es anders.

«Aus Staat gegen Markt wird Dorf mit Markt.»

Gehört niemandem und doch allen

VERD gehört niemandem und doch allen, nämlich der Bevölkerung.
Ein schöner Satz und zugleich ein heikler, denn «gehört allen» kippt in der Praxis gern in «fühlt sich niemand verantwortlich».
So entstehen jene dunklen und intransparenten Kammern im Keller, die manche Genossenschaft über die Jahre angesammelt hat.

Die beste Antwort darauf liefert Elinor Ostrom, die erste Frau mit einem Wirtschaftsnobelpreis.
Sie hat untersucht, warum Gemeingüter über Jahrhunderte funktionieren.

Eines ihrer Beispiele liegt vor unserer helvetischen Haustür, nämlich die Alpweiden von Törbel im Wallis.
Ihr Befund ist, es braucht klare Regeln, echte Mitsprache der Betroffenen und gegenseitige Kontrolle.

Gemeinsames Eigentum allein schützt nicht vor dem Keller, gelebte Regeln hingegen sehrwohl schon.

VERD als Alpgenossenschaft des 21. Jahrhunderts, das ist für mich ein Gütesiegel.

Die Spielwiese statt der Dunkelkammer

VERD Genossenschafterinnen und Genossenschafter können einen Verein gründen und gemeinsam Projekte wählen, die finanziert werden. Finanziert mit Geld, das zurück in die Wohngemeinde fliesst, statt zu Konzernen ins Ausland sowie in die Anonymität und Intransparenz.

Ein neues Bänkli am Dorfplatz, die Fahne für den Turnverein, der Zustupf für den Dorfladen und … daneben ein kleines Schild mit vier Worten:

Finanziert durch eure Einkäufe.

Mazzucato nannte in ihrer Keynote partizipative Ansätze aus Brasilien als Vorbild und den Klassiker «Porto Alegre», wo die Bevölkerung seit Ende der Achtzigerjahre über einen Teil des Budgets mitbestimmt.

Bei VERD entsteht das Budget sogar aus dem eigenen Einkauf.
Follow the money endet vor der eigenen Haustür.

Ein Urnengang der VERDischen Art

Das Schönste kommt fast beiläufig daher, denn Genossenschafterin oder Genossenschafter kann werden, wer will und dies mit oder ohne Schweizer Pass.

In der Schweiz hat mehr als ein Viertel der Wohnbevölkerung keinen Schweizer Pass und hat somit an der Gemeindeversammlung meist keine Stimme. Die Pflegefachfrau aus Porto, der Ingenieur aus Mahe, die Bäckerin aus Kalabrien, … sie alle kaufen im Dorf ein und leben dort ihren Lebensmittelpunkt. Bei VERD bestimmen sie mit.

Das ist Mazzucatos lived experience in Reinform und es ist zutiefst eidgenössisch 😉, denn auch auf der Alp zählte nie der Stammbaum, sondern wer seine Kuh auf die Weide bringt und mit anpackt.

Wie Bargeld, nur digital

Bei jeder bargeldlosen Zahlung fliesst nicht nur Geld, es fliessen auch deine persönlichen Daten.
Was ich kaufe, wann, wo und wie oft, daraus lässt sich ein erstaunlich genaues Bild eines Menschen zeichnen.
Genau deshalb heisst es VERD.cash.

Wie beim Bargeld erfährt der Laden nichts über dich.
Deine Daten bleiben bei VERD, werden weder verkauft noch ausgewertet.

Nur wenn eine Behörde rechtmässig nachfragt, liefert VERD Fakten, so wie es das Gesetz von allen verlangt.

Bargeldlogik gegenüber dem Händler,
Rechtsstaat gegenüber den Behörden.

Mazzucato würde sagen, Transparenz über das, was fliesst, und vor allem über das, was nicht fliesst.

Gerechter statt gerecht

Bleibt die grosse Frage … gibt es fair und gerecht überhaupt auf dieser Welt?
Vielleicht nicht – oder besser gesagt .. NOCH nicht.

Der Nobelpreisträger Amartya Sen hat dazu einen tröstlichen Gedanken:

«Wir müssen die perfekte Gerechtigkeit gar nicht kennen,
um zu erkennen,
welche von zwei realen Möglichkeiten gerechter ist.»

Gerecht gibt es vielleicht nie, dennoch gerechter jeden Tag schon, nämlich an jeder Kasse.

VERD wird die Vermögensschere nicht im Alleingang schliessen.
Wer das verspricht, betreibt genau jenes «Common Good Washing», vor dem Mazzucato warnt.

VERD macht «cui bono» sichtbar. Jeden Tag und mit jedem Einkauf.

Wer das Risiko trägt, soll am Ertrag teilhaben.
Beim Internet trug der Staat das Risiko und das Silicon Valley heute den Ertrag.

Bei VERD tragen die Menschen im Dorf beides.

Mein Warum

Oft werde ich gefragt, was mir das Botschafter-Engagement für VERD eigentlich bringt.
Die ehrliche Antwort lautet – nichts, das sich in einer Rechnung abbilden liesse, und just darum so viel.

Wer mediterrane Wurzeln hat, weiss, dass der Dorfplatz ein Wohnzimmer ist.
Über dreissig Jahre zwischen Bank, IT, Marketing und Projekten haben mir dann die andere Seite gezeigt, wie Systeme funktionieren und wer an welchem Hebel sitzt.

VERD verbindet beides, nämlich das Herz vom Dorfplatz und den nüchternen Blick auf den Geldfluss.

Werte, die nur auf Hochglanz stehen, gibt es genug.
Gelebte Werte kosten manchmal etwas … nämlich eine Bequemlichkeit, einen freien Abend und gelegentlich sogar eine Stelle.

Diesen Preis zahle ich gern, die Rendite ist einfach eine andere.
Sie zeigt sich in einem Bänkli am Dorfplatz, in Gesprächen als freiwilliger Mentor resp. in Begegnungen auf Augenhöhe.

Beim VERD-Crowdfunding im 1. Semester 2026 war ich Unterstützer Nummer 70, dies vorzüglich passend zu meinem Jahrgang 1970. Zufall vielleicht? Falls ja, dann ein sehr schöner.

Ein Grundsatz begleitet mich beim Schreiben, an diesem regnerischen Wochenende…..

Was ich anderen ans Herz lege, muss zuerst für mich gelten – just so arbeite ich auch.
Ob für eine Gemeinde, einen Verein oder ein KMU.

Am Anfang steht die Frage, wem etwas nützt.
Ruhe gebe ich erst, wenn die Antwort nicht nur auf dem Papier stimmt.

Nicht Gier frisst Hirn, sondern
Werte nähren Gemeinschaft.


Denn … wenn es allen gut geht, geht es eben allen gut. ☺️

Die Frage zum Schluss geht an dich und lautet:
«Wohin fliesst dein nächster Franken und … wem nützt er? 🤔

La vita è bella. 😎
Herzlichst – dein/euer Maurizio