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Von Fenstern, Türen und dem wertbringenden Raum dazwischen.

Vier Besuche auf meinem LinkedIn-Profil eines Unternehmens, ein Anruf aus einem früheren Projekt-Leben und ein schwarzes Pferd aus meiner Kindheit – so das Resumé als Intro. Mehr brauchte es nicht, um mich ein ganzes Wochenende lang nachdenken zu lassen. 🤔

Dieser Text ist die Spur dieser Gedankenreisen, in sieben Stationen und natürlich in ungerader Anzahl. 😉

1 – Ich bin dann mal weg, aber wohin des Weges eigentlich?

Vor einigen Monaten habe ich eine Tür hinter mir geschlossen. Bei mir gilt … wenn tschüss, dann ade.
Kein Nachtragen, kein Zurückschauen … ein Kapitel ist zu Ende.

Dennoch sehe ich auf meinem Profil Besuche aus genau diesem Umfeld. Mehr noch, auch aus Firmen, bei denen ich seit über zehn Jahren nicht mehr bin, schauen plötzlich vorbei. Wer es ist, verrät mir die Statistik nicht, denn ich spiele da nicht in der «Premier League» mit.

Hape Kerkeling hat es so schön gesagt, «Ich bin dann mal weg».
Doch weg von wo, und wohin?

Mein Körper und mein Herz sind gegangen.
Mein Profil aber ist geblieben, wie ein Schaufenster an der Zürcher-Bahnhofstrasse, an dem eben auch Leute vorbeilaufen, mit denen man nie mehr einen Kaffee trinken würde.

«Wenn du dich über irgendetwas Äusseres betrübst,
so ist es nicht dieses Ding, das dich beunruhigt,
sondern dein Urteil darüber.»
Marc Aurel, Selbstbetrachtungen

Den Blick der anderen kann ich nicht steuern. Die Bedeutung, die ich ihm beimesse aber sehr wohl.

2 – Die Figuren am Fenster

Wer steht da eigentlich vor meinem ‚Schaufenster‘? Wissen kann ich es nicht, aber mit Figuren spielen schon. Jede und jeder kennt sie aus dem eigenen Leben.

Die Gwundernase
will einfach wissen, was der eigentlich jetzt macht. Ohne Absicht, ungefähr so tiefgründig wie ein Blick über den Gartenzaun.

Der Unruhige.
schaut nach, ob ich etwas über früher schreibe. Die Nervosität sitzt bei ihm/ihr und bestimmt nicht bei mir.

Der Vergleichende
Sieht einen, der gegangen ist und dem es gut geht. Leise schwingt wohl die Frage mit, ob er/sie/es das auch könnte.

Der stille Vermisser
hat einem wohl geschätzt, konnte es aber nie sagen. Auch das gibt es … öfter als man denkt.

Und dann gibt es Systeme, in denen ein Hahn auf dem Mist so laut kräht, dass sich niemand mehr getraut, im Gang Hallo zu sagen. Wir alle kennen mehr als einen davon.
Dort wird der heimliche Profilbesuch zur Flüsterpost, zum kleinsten Winken, das man sich gerade noch getraut.

Die Türöffnerin, die fünfte Figur ist die seltenste.
Sie bleibt nicht am Fenster stehen, sie klopft an und öffnet die Tür. Zwischen den ersten vier und ihr liegt nicht ‚bloss‘ die Wertschätzung, sondern der Mut.

«Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern
weil wir es nicht wagen, ist es schwer.»

Seneca, Briefe an Lucilius

3 – Rolle und Mensch

Dann kam ein überraschender Anruf, wie ein Geschenk des Himmels.
Ein Mensch aus einem frühen Kapitel meines Berufslebens wollte sich entschuldigen. Entschuldigen für etwas, das rund zwei Jahrzehnte zurückliegt.

Damals habe man mich für überheblich gehalten, für unnahbar und eitel.
Gesehen habe man die Rolle, nicht den Menschen dahinter – dies die heutige Erkenntnis. Die Worte sassen … und zwar so richtig.

Manche Bilder brauchen eben Zeit, bis sie entwickelt sind, so wie alte Filme in der Dunkelkammer.
Vielleicht erklärt das auch die Besuche aus Firmen von vor zehn Jahren und mehr.

Damals war ich dort eine Funktion im Organigramm, heute zeigt mein Profil den wahren Menschen von und in mir.

«Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden,
aber gelebt werden muss es vorwärts.»

Søren Kierkegaard, Tagebücher (sinngemäss übersetzt)

Verzeihen kann ich sehr wohl, vergessen jedoch nicht. Türen sind meistens zu, doch zu heisst nicht zugemauert.

Und … weshalb etwas zu Ende ging, ist immer ein Kapitel und nie der Titel des Buches, so mein Lebens-Credo.

4 – Ärmel hoch krempeln statt 80 Folien

Der erwähnte Anruf hat mich in eine wilde Zeit zurückkatapultiert. Damals hiess es Ärmel hoch und wirken.
«Just do it» nicht als Werbespruch mit Haken oben zierend, sondern als echtes Handeln.

Heute erlebe ich vieles überstrukturiert, akademisch geführt und mit überlangen Konzepten zu tode erstickt.
Da wird geplant, bis die Gelegenheit vorbei ist und am Ende besitzt man ein wunderschönes Foliendeck über etwas, das nie stattgefunden hat. Ja – ein wahrer Konzept-Friedhof….

Fairerweise sei gesagt, die Erinnerung ist ein grosszügiger Restaurator. Sie poliert das Gold und lässt den Rost verschwinden. Hinter mancher Überstrukturierung steckt nicht Liebe zur Theorie, sondern Angst im Anzug. Wie wir alle wissen, Angst ist eine sehr schlechte Begleitung.

Wer ein Konzept hat, hat sich abgesichert. Wer handelt, hat gelernt.

«Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden.
Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.»
Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre

5 – Wissen + Erfahrung = Können

Auf meinen Whiteboards und Flipcharts beim Dozieren steht oft ein einziger Satz: «Wissen plus Erfahrung gleich Können.»
Daneben Sokrates, der der Überlieferung nach wusste, dass er nichts weiss.

Just darum will ich erfahren … um zu können.

Mit dem Können ist es nämlich nie zu Ende. Es wird zu neuem Wissen, das mit neuer Erfahrung zu neuem Können alchimiert.
Ein Perpetuum mobile vom ersten Schrei vor Kappung der Nabelschnur bis zum letzten Ausschnaufen und Abgang der Seele.

Eigentlich ist es eine Spirale, welche drei Richtungen kennt:

  • Nach oben dreht, wer erfährt und lernt.
    Jede Runde führt an dieselbe Stelle, aber eine Etage höher.
  • Nach unten dreht, wer denselben Fehler immer wieder macht.
    Ein Fehler ist es einmal, kommt er wieder, ist es eine Entscheidung.
  • Im Leerlauf dreht, wer die Zeigefinger lieber anderweitig beschäftigt.
    Das ist dann das Murmeltier, das täglich grüsst.

Phil Connors kommt im Film übrigens nicht aus seiner Zeitschleife, indem er sie austrickst.
Er kommt heraus, als er beginnt zu lernen.

Schon Heraklit wusste, dass man nie zweimal in denselben Fluss steigt, manche versuchen es trotzdem hartnäckig. 🤔

Wer die Spirale nach oben will, braucht mehr als Wissen aus zweiter Hand.
Wer die Spirale nach oben will, braucht den eigenen Kopf und ein Hirn, welche er nicht nur besitzt …. sondern aktiv nutzt.

«Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!»
Immanuel Kant
Beantwortung der Frage: «Was ist Aufklärung?» (1784)

6 – Das fünfte K

Gern beziehe ich mich auf die vier K der «21st Century Skills», nämlich
– Kommunikation
– Kollaboration
– Kreativität und
– kritisches Denken.

Vier ist allerdings eine gerade Zahl und gerade Zahlen sind für einen wie mich zu statisch.
Ungerade Zahlen liebe ich, denn sie sind dynamisch.

Gerade plus ungerade ergibt immer ungerade, ein einziges bewegliches Element bringt ein ganzes System in Schwung.
Gerade plus gerade ergibt immer gerade, zu konstant und zu wenig Dynamik.

Darum gehört für mich ein fünftes K dazu, nämlcih die Kausalität.

Zwischen Ursache und Wirkung liegt ein Raum, wie zwischen Reiz und Reaktion.
In diesem Raum entscheidet sich, ob wir handeln oder nur reagieren.

Der Gedanke wird oft Viktor Frankl zugeschrieben, bekannt gemacht hat ihn vor allem Stephen Covey.

Kausalität fragt zurück, warum ist das passiert.
Ihre Schwester, die Konsequenz, fragt nach … was mache ich jetzt daraus.

Wer beide ignoriert, landet zuverlässig beim Murmeltier.

Ehrlich gesagt, als Speedy Gonzales überspringe ich diesen Raum gern. Im Moment selbst bin ich schnell, manchmal zu schnell. Die Kausalität hole ich mir dann später ab, in der Stille.

Ruhe gönne ich mir nämlich sehr bewusst.
Im Leerlauf des Gehirns, die Forschung nennt ihn Default Mode Network DMN, steht mein Altar der Gedankenschöpfung.
Dort klopfen die Gedanken an, und fast immer bringen sie einen Mehrwert mit.

«Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher,
dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.»

Blaise Pascal, Pensées (Übersetzung)

7 – Die unbeschriftete Tür

Früher klopfte allerhand an meine Tür. Kein Wunder, sie war wohl falsch angeschrieben, mit so etwas wie Sozialamt oder Tür für alle. Heute steht gar nichts mehr drauf.

Seither klopfen nur noch Gedanken an, die auf Resonanz aus sind. Keine Figuren namens Dringend, sondern Geschöpfe namens Wichtig.

Wer an eine unbeschriftete Tür klopft, muss wissen, warum er da ist und weshalb er/sie klopft.

Einmal habe ich einen Satz gehört, der mich seither begleitet, nämlich: «Dringend hat zwei Beine, die gleich weiterlaufen können.» Wichtig hingegen hat Gewicht, also Relevanz, und genau dorthin gehört unsere Aufmerksamkeit.

Gefährlich wird es, wenn sich ein Dringendes den Anzug von Wichtig überzieht. Dann treibt es Unfug und Murphy steht schon mit dem Popcorn bereit.

Ein einfacher Test hilft – echtes Wichtiges hat Geduld und klopft morgen wieder, getarntes Dringendes verschwindet oder wird laut.

Für den Moment, in dem mein innerer Speedy Gonzales lossprinten will, habe ich einen Satz aus meiner Kindheit.
Damals lief im Fernsehen eine Serie mit Fury, einem schwarzen Hengst, der gern auf die Hinterläufe stieg.

Calma Fury, hiess es dann.

Diesen Satz sage ich mir bis heute, manchmal sogar laut.
Das Umfeld mag stutzen, dann denkt es wenigstens. Ein gutes Pferd bricht man nicht, man lenkt es und das Feuer bleibt.

«Eine Gewohnheit wirft man nicht einfach aus dem Fenster,
man lockt sie Stufe um Stufe die Treppe hinunter.»

Mark Twain, Pudd’nhead Wilson (Übersetzung)

Ausklang

Vier Profilbesuche waren der Reiz.
Statt einer schnellen Reaktion wurde daraus ein Wochenende voller Gedanken, fünf Figuren, eine Spirale, ein fünftes K und ein schwarzes Pferd.

Die Ursache der Besuche werde ich nie kennen. Die Wirkung aber habe ich selbst gestaltet.

Also lasst sie ruhig schauen, durchs Fenster, aus der Ferne, heimlich oder offen.

Wer klopft und etwas Wichtiges mitbringt, findet eine Tür, die zu ist, aber nie zugemauert.

La vita è bella. 😎
Herzlichst, dein/euer Maurizio, der gerne seine Gedanken niederschreibt und somit wieder in seinen DMN-Modus gehen kann. 😉

Zitatnachweise

DenkerWerkHinweis
Marc AurelSelbstbetrachtungen, Buch VIIIÜbersetzungen variieren allenfalls leicht
SenecaBriefe an Lucilius, Brief 104Übersetzung aus dem Lateinischen
Søren KierkegaardTagebücher, 1843sinngemäss, gängige deutsche Fassung
Johann Wolfgang von GoetheWilhelm Meisters WanderjahreOriginalwortlaut
Immanuel KantBeantwortung der Frage: «Was ist Aufklärung?», 1784Originalwortlaut
Blaise PascalPenséesÜbersetzung aus dem Französischen
Mark TwainPudd’nhead Wilson, 1894eigene Übersetzung, das Original sagt «coaxed», also gelockt, nicht geprügelt