Warum das teuerste Wort im Budget nicht «zu wenig» heisst, sondern «aufbrauchen»
Es gibt einen Satz, der jedes Jahr im Spätherbst durch die Grossraumbüros dieser Welt geistert. Leise, fast beiläufig und doch mit der Wucht eines unerwartet gebrochenen Ventils.
«Das Budget muss noch weg, sonst wird es nächstes Jahr gekürzt.»
Wer diesen Satz zum ersten Mal hört, hält ihn für einen Scherz.
Wer ihn zum zehnten Mal hört, hält ihn für Wahnsinn.
Wer ihn selbst ausspricht, hat meist längst vergessen, was er/sie da eigentlich sagt…..
Herbst ist die Zeit der Budgets.
Die «Zahlenfriedhofs-Gärtner» blühen auf, sie gedeihen wie Magnolien im April.
Es wird Geschoben, geschliffen sowie frisiert und in den ausgebenden Teams, Marketing, Sales, IT, wird gehaushaltet, als flösse das Geld aus einer unversiegbaren Quelle, irgendwo aus der Wand (oder wie im Bild aus dem Aktenschrank) wie aus dem Nichts … aus dem System.
Doch das Geld kommt nicht aus dem System.
Das Geld kommt aus Lebenszeit, welche jemand eingetauscht hat.
Das Phänomen hat einen Namen und es hat Zahlen
Was in vielen Betrieben als hausgemachte Absurdität durchgeht und nahezu jährlich zelebriert wird, ist in Wahrheit ein weltweit dokumentiertes Muster. Die Forschung nennt es «use it or lose it», als «nutze es oder verliere» es.
Die empirischen Befunde sind ernüchternd.
Eine vielzitierte Untersuchung des US-Beschaffungswesens, veröffentlicht im «American Economic Review», zeigt es schwarz auf weiss. In der letzten Woche des Budgetjahres steigen die Ausgaben auf das rund Fünffache des wöchentlichen Durchschnitts.
Ganze 8,7% aller Jahresausgaben fallen in diese eine letzte Woche.
Und, das ist der eigentliche Stachel, die Qualität dieser Last-Minute-Projekte fällt steil ab.
Projekte aus dem Jahresendspurt sind deutlich häufiger unterdurchschnittlich bewertet als solche, die in Ruhe entstehen.
Der Mechanismus ist simpel und tückisch zugleich.
Wer nicht ausgibt, signalisiert nach oben, er/sie brauche weniger.
Weniger Budget bedeutet weniger Spielraum, weniger Gewicht sowie weniger Bedeutung. Also wird ausgegeben, koste es was es wolle.
Sparsamkeit wird nicht belohnt, sie wird bestraft.
Das System selbst züchtet die Verschwendung, die es beklagt.
Woher das Geld wirklich kommt
Hier lohnt sich ein Moment der Stille ….. weg von den Zahlen und hin zur Herkunft.
Bei privaten Firmen sowie KMUs ist jeder Franken im Budget zuerst allermindestens ein Franken Umsatz und jeder Franken Umsatz ist zuerst eine Leistung, die jemand erbracht hat. Für einen Kunden, der freiwillig bezahlt hat, weil er einen Wert erkannte. Hinter jeder Budgetzeile steht also ein Mensch, der etwas geschaffen hat, das gut genug war, um dafür Geld zu erhalten.
Bei staatlichen Institutionen wird die Kette noch länger und noch sonderbarer.
Dort ist jeder Franken zuerst eine Steuer und Steuer heisst, jemand hat gearbeitet, hat Lebenszeit gegen Lohn getauscht und musste dann noch einen Teil dieses Lohns abgeben.
Nicht nur das.
Er/Sie musste zusätzlich Zeit investieren, um eine Steuererklärung auszufüllen, damit er überhaupt zahlen darf. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen.
Zeit investieren, um danach zahlen zu dürfen.
Wo sonst im Leben funktioniert eine solche Rechnung?
Das Geld im Budget ist also niemals abstrakt.
Das Geld im Budget ist geronnene Lebenszeit von Menschen, die man in aller Regel nie zu Gesicht bekommt.
Die eigentliche Ursache ist keine Bosheit, sie ist Distanz
Nun wäre es billig und schäbig, den «Zahlenfriedhofs-Gärtner» zum alleinigen Bösewicht zu erklären.
Er ist es meist nicht. Der Grund ist etwas Gefährlicheres, er ist entkoppelt.
Der Handwerker, der sein eigenes Werkzeug kauft, spürt jeden Franken, denn es ist sein Franken.
Der Teamleiter, der ein zugewiesenes Budget verwaltet, spürt gar nichts, denn zwischen ihm und der Quelle liegen zu viele Stationen.
Er sieht die Zahl auf dem Screen, nicht den Kunden, der sie erwirtschaftet hat und schon gar nicht den Steuerzahler, der über der Steuererklärung sass. 🤔
Diese Distanz ist der wahre Erreger. Nicht Gier, sondern Betäubung.
Wer die Herkunft eines Frankens nicht mehr spürt,
geht mit ihm um wie mit fallenden Blättern im November.
Es ist ja genug da und morgen kommen neue dazu.
Der Lösungsansatz, drei Hebel für Firmen
Ab hier wird es konstruktiv, denn ein Problem zu beschreiben ist die halbe Arbeit, die andere Hälfte ist der Umbau.
Wer den Zahlenfriedhof trockenlegen will, muss die zerschnittene Rückkopplung wiederherstellen.
Drei Hebel greifen ineinander:
Erstens, Übertrag statt Verfall
Der giftigste Anreiz ist die Regel, dass Nichtausgegebenes verfällt. Genau hier setzt auch die seriöse Forschung an.
Wer nicht verbrauchte Mittel ganz oder teilweise ins Folgejahr übertragen darf, verliert jeden Grund für den Irrsinn als Novemberspurt. Sparsamkeit wird plötzlich zum Vorteil, nicht zum Risiko.
Ein Team, das weiss, sein guter Haushalt zahlt sich künftig aus, verwandelt sich vom Verschwender zum Verwalter.
Zweitens, Belohnung für Unterschreitung
Solange gilt, wer spart wird gekürzt, wird niemand sparen. Kehre die Logik um.
Ein Team, das sein Budget bewusst unterschreitet und trotzdem liefert, sollte einen Teil der Ersparnis für eigene Zwecke behalten dürfen. Für Weiterbildung, für ein neues Werkzeug oder für einen Anlass.
Aus «name it and save it» wird so eine gelebte Kultur statt eines Kalenderspruchs.
Drittens, Herkunft sichtbar machen
Der stärkste Hebel ist der leiseste. Mach die Quelle sichtbar und «nenne Ross und Reiter».
Ein Satz auf jeder Budgetübersicht à la «dieses Geld entspricht der Jahresleistung von so und so vielen Kundenaufträgen» oder von so und so vielen Arbeitstagen unserer Leute.
Wer die Lebenszeit hinter der Zahl sieht, gibt anders aus. Nicht aus Zwang, sondern aus und hoffentlich mit Anstand.
Demut als Betriebssystem
Am Ende führt der Weg zurück zu einer alten Wahrheit, die im November besonders hell leuchtet.
Demut ist keine Tugend der Kleinen und keine Schwäche der Grossen.
Demut ist die Tugend der Gekoppelten.
Wer die Folgen seines Handelns spürt, geht sorgsam um mit dem, was ihm anvertraut ist, egal ob es der eigene Franken ist oder der eines Fremden. Empathie ist dabei die Trägersubstanz, sie ist die Fähigkeit, eine Herkunft zu spüren, die einen selbst nicht trifft.
Der Zahlenfriedhof ist am Ende kein Buchhaltungsproblem. Er ist ein Empathieproblem und Empathie lässt sich nicht verordnen, dennoch kann man ihr Strukturen bauen, in denen sie wieder wächst sowie gedeihen darf.
Vielleicht ist das die schönste Aufgabe dieses Herbstes.
Nicht Budgets zu verbrennen, bevor sie verfallen,
sondern Systeme zu bauen, in denen niemand mehr auf die Idee käme,
Lebenszeit zu verheizen, nur weil der Kalender es verlangt.
La vita è bella. 😎
Auch die Budgetsaison. 🤗
Herzlichst – dein/euer Maurizio
In eigener Sache
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