Eine ehrliche Abrechnung mit dem Altruismus, der Ismus-Familie und dem Satz, der mein Leben veränderte.
Es gibt Sätze, die man nicht sofort versteht.
Es sind dies Sätze die man hört, nickt, weitermacht und die dann nachts um drei plötzlich auftauchen und einem nicht mehr loslassen.
Einer dieser Sätze kam von jemandem, dem ich vertraute. Von jemandem, der mich kannte. und auch von jemandem, der gut genug hinschaute, um das zu sehen, was ich selbst nicht sehen konnte (oder noch nicht sehen wollte?).
Er sagte:
«Ich fühle mich wie ein Zombie um dich herum.»
🫢 Ich verstand nicht.
😵💫 Ich war verwirrt, ehrlich gesagt, vom Krassesten.
Wie kann jemand, dem ich so viel gebe, sich wie ein Zombie fühlen?
Diese Frage hat mich jahrelang beschäftigt, und die Antwort darauf ist das, worüber ich heute in meinem vorliegenden Blog-Artikel schreiben will.
Ich hatte eine Schatztruhe, und ich öffnete sie für jeden.
Stell dir eine Schatulle vor. Keine aus Gold, keine mit Schloss. Eine lebendige, atmende Truhe, gefüllt mit Menschen.
Gefüllt mit Kontakten, die ich mit echter Freude pflegte. Mit Vertrauen, das sich über Jahre aufgebaut hatte sowie mit Beziehungen, die ich nebst der Gesundheit als das Wertvollste betrachtete, was ich besass.
Diese Metapher schenkte mir derselbe Mensch, der mir später den Zombie-Vorwurf machte.
Er sagte:
Leg deine Hand auf die Schatztruhe.
Nicht alles darin gehört jedem.
Damals hörte ich es, verstand es bestenfalls halbwegs …. ABER ich lebte es nicht.
Denn ich gab. Immer. Schnell. Fast reflexartig.
- Jemand fragte, ob ich ihm eine Tür öffnen könnte, ich öffnete sie, noch bevor der Satz fertig ausgesprochen war.
- Jemand brauchte jemanden, den ich kannte, ich vernetzte die beiden direkt, sofort, ungefragt, weil es doch so offensichtlich das Richtige war.
- Jemand hatte einen Bedarf, ich sah ihn, manchmal noch bevor er ihn selbst artikulierte, und handelte.
- Jemand benötigte etwelche Hilfe resp. Support, ich stand zur stelle und gab mich selber oft dabei auf.
Ich ging dabei faktisch immer leer aus.
Die beiden Parteien kamen ins Geschäft.
Ich wurde vergessen, bis ich allefalls wieder wertbringend werden konnte für eine der Parteien.
Und trotzdem öffnete ich die Truhe. Wieder und wieder.
Warum?
Weil ich es konnte.
Weil es sich richtig anfühlte.
Weil ich dachte, so funktioniert Menschlichkeit.
Ich war damals, ohne es zu wissen, ein Hardcore-Ideal-Altruist. Ein Idealist und Altruist in einer Person.
Immanuel Kant hätte das «Handeln aus Pflicht» genannt, aus einem inneren moralischen Gesetz heraus, ohne Erwartung einer Gegengabe.
Das klingt edel, zugegeben, und es warauch edel …. und ja, es war auch blind und naif.
Die Ismus-Familie, und warum sie alle in uns wohnen
Bevor ich weitererzähle, lass mich kurz bei dieser Familie bleiben.
Wir kennen sie alle, jedoch wollen wir sie nur selten einladen.
Der Altruismus lächelt im Wohnzimmer und gibt.
Der Idealismus steht eine Etage höher mit offenem Fenster und glaubt ans (Un?)Mögliche.
Der Opportunismus hat den schlechten Ruf der Familie, schaut, was die Lage hergibt, wird verurteilt und hat trotzdem öfter als gedacht das Richtige bewegt.
Der Egoismus sitzt im Erdgeschoss, direkt, unverblümt, will was er will.
Adam Smith, schottischer Moralphilosoph und Vater der modernen Wirtschaftslehre, hat ihn im 18. Jahrhundert rehabilitiert. Dies mit einem einzigen, bis heute nachwirkenden Gedanken:
Nicht aus dem Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unser Abendessen,
sondern aus deren Eigennutz.
Der gut verstandene Eigennutz, so Smith, schafft mehr Wohlstand und mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt als jede gutgemeinte Umverteilung.
Nicht der Egoismus per se ist das Problem, sondern der Unreflektierte.
Der Pragmatismus schaut zu, der Aktivismus trommelt, der Fatalismus zuckt die Schultern.
Sie alle wohnen in uns.
Sie alle wechseln sich ab, mischen sich.
Dies je nach Lebensphase, je nach Erschöpfungsgrad und je nach Tiefe der letzten Enttäuschung. 💔
Das Problem ist nicht, welches Familienmitglied gerade die Führung übernimmt.
Das Problem entsteht, wenn wir uns weigern, hinzuschauen und insbesondere, wenn wir dem Altruismus eine Heiligenschein verpassen und dem Egoismus Schuldgefühle, ohne je zu fragen: «Was steckt wirklich dahinter?»
Ich dachte damals, ich handle aus reinem Altruismus, aus Herzblut und aus genuiner Freude am Geben.
Und dann kam der Zombie-Satz…. 🤔
Was ein Zombie wirklich bedeutet
Er war eine reinkarnation des Geschenks, das er mir schon einmal gemacht hatte, die Schatztruhen-Metapher, nur diesmal härter verpackt.
Er sagte, er komme mir gar nicht nach:
– kaum habe er einen Gedanken, habe ich schon gehandelt.
– kaum ein Bedarf geäussert, sei er von mir bereits erledigt.
Und das Ergebnis?
Er fühle sich minderwertig, aussen vor gelassen wie jemand, der in unserer Beziehung nichts beitragen kann, weil ich den Raum dafür vollständig ausfülle.
Wie ein Zombie. Präsent, aber nicht wirklich lebendig in dem, was zwischen uns existiert.
Ich sass da und verstand die Welt nicht mehr. 🆘
Ich hatte gegeben, und dies mit vollem Herzen, ohne Hintergedanken und genau das hatte ihn verletzt.
Der französische Soziologe Marcel Mauss hat in den 1920er Jahren etwas Unbequemes beschrieben:
Es gibt kein reines Geschenk.
Jede Gabe erzeugt eine unsichtbare Schuld beim Empfänger,
eine soziale Verpflichtung, zu danken, zurückzugeben, sich zu erinnern.
Diese Schuld ist nicht negativ.
Sie ist der Kitt, der Beziehungen lebendig hält.
Sie ist das, was den anderen zum Teil der Geschichte macht.
Aber ich hatte diese Schuld aktiv ausgelöscht.
So schnell, so bedingungslos und so vollständig, dass dem anderen keine Zeit blieb, sich zu erinnern.
Kein Raum, zurückzugeben.
Keine Möglichkeit, selbst jemand zu sein in dieser Beziehung.
Ich hatte ihn von seiner Schuld befreit und dabei unsichtbar gemacht.
Mich.
Ihn.
UNS.
Das sass. Verdammt tief sass dies sogar.
Der Moment, in dem ich verstand: Ich war der Wolf
Nicht im Sinne von Böswilligkeit, sicher nicht mit Kalkül, dennoch übergriffig. Jawohl – übergriffig meinerseits.
Hannah Arendt hat sinngemäss einmal beschrieben:
Die gefährlichste Form der Gewalt ist jene, die sich selbst als Fürsorge versteht.
Ich hatte gegeben, ohne zu fragen, ob Hilfe erwünscht sei.
Ich hatte vernetzt, ohne zu fragen, ob das passt.
Ich hatte Türen geöffnet, ohne zu fragen, ob jemand durchgehen will.
Ich half, obschon ich kaum darum gebeten wurde.
Dabei hatte ich gänzlich mein metaphorisches Preisschild vergessen.
Nicht im wirtschaftlichen Sinn, sondern das Schild, das sagt:
– Dieser Mensch hat auch einen Wert.
– Dieser Austausch hat eine Richtung.
– Beziehung(en) ist/sind kein Einbahnverkehr.
Erich Fromm hat es in «Die Kunst des Liebens» auf den Punkt gebracht:
Liebe, die keinen Raum lässt für Gegenseitigkeit, ist keine Beziehung mehr.
Sie ist eine Struktur.
Schön gebaut.
Einseitig bewohnt.
Ich hatte eine wunderschöne Struktur gebaut und dabei hatte mein Gegenüber darin keinen Platz gefunden, er selbst zu sein.
Die Hand auf der Schatztruhe
Als ich begann, meine Hand resp. wie im Bild meine Hände auf die Schatztruhe zu legen, wie er mir empfohlen hatte, war das erste Gefühl nicht sonderlicheErleichterung.
Es war das Gefühl, mich selbst aufzugeben.
Denn ich verstand in diesem Moment, was der Philosoph Paul Ricoeur gemeint haben könnte.
Er unterschied zwischen zwei Formen der Identität:
- dem Idem,
dem Was-ich-tue, dem Verhalten, das andere sehen und beobachten können, und - dem Ipse,
dem Wer-ich-bin, dem inneren Kern, der bleibt, wenn man alles Äussere wegnimmt.
Ich hatte mein Idem und mein Ipse vollständig verschmolzen.
Das Geben war nicht, was ich tat, es war, wer ich war und ….. wer bin ich, wenn ich aufhöre zu geben?
Nichts, so das Gefühl damals. 🫢
Das war die härteste Erkenntnis, und nicht der Zombie-Vorwurf.
Nicht die Enttäuschung, dass Kontakte mich vergassen, sondern die Frage: «Was bin ich ohne meine Grosszügigkeit?»
Die Antwort kam langsam … SEHR langsam.
Die Antwort kam nicht als philosophische Einsicht, sondern als leises, wachsendes Vertrauen in etwas, das ich Dreifaltigkeit des Seins nenne.
Me.
Myself.
And I.
Das, was bleibt, wenn man das Geben wegnimmt.
Der Kern, der nicht von anderen abhängt.
Der Anker, der nicht im Schiff steckt, sondern auf dem Meeresgrund.
Die Mutation, die keine Aufgabe ist
Die Heilung besteht nicht darin, mit dem Geben aufzuhören.
Sie besteht in einem einzigen, kleinen, gewaltigen Satz:
Nicht mehr:
«Ich helfe, weil ich es kann.»Sondern:
«Ich frage, ob Hilfe erwünscht ist, und helfe, weil ich es kann.»
👍 Der Kern bleibt.
👍 Das Herz bleibt.
👍 Die Schatztruhe bleibt.
Jedoch halte ich die Hand darüber.
Nicht aus Kälte, sondern weil ich jetzt weiss, dass das Geben dem anderen nur dann wirklich nützt, wenn er es auch empfangen will.
Der Philosoph Emmanuel Levinas hat sein Leben damit verbracht, das zu beschreiben, was er «das Antlitz des Anderen» nannte.
Das Gesicht, das mich anschaut und sagt:
– Ich bin hier.
– Ich bin nicht dein Projekt.
– Ich bin jemand.
👍 Sieh mich, bevor du handelst.
Wer fragt, bevor er hilft, sieht dieses Antlitz.
Das ist keine Schwäche. Nein – alles andere, das ist vielmehr Reife.
Noch heute bin ich nicht ganz geheilt vom übersprudelnden Altruismus.
Die Hand auf der Schatztruhe wird kräftiger und schwerer, je mehr Opportunismus und Enttäuschung sich stapeln.
Manchmal öffnet sie sich noch zu schnell und ja, manchmal gebe ich, bevor ich frage.
Aber ich weiss es jetzt, und das Wissen verändert das Tun.
Langsam, tastend und eben, durch und durch menschlich.
Die 3.5% und der stille Widerstand
Die Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth hat in ihrer Forschung zu sozialen Bewegungen etwas Aufrüttelndes herausgefunden. Es braucht keine Mehrheit, um ein System zu kippen, es braucht 3.5% einer Bevölkerung, aktiv, sichtbar und insbesondere konsequent, die das Spiel schlicht nicht mitspielen.
Keine Lautstärke, keine Masse, sondern konsequenz des Tuns.
Diese Erkenntnis geht weit über Politik hinaus.
Diese Erkenntnis beschreibt jeden Raum, in dem Egoismus, Opportunismus und Machtmissbrauch als Normalzustand akzeptiert werden:
- den Konferenzraum
- das Netzwerkevent
- die Beziehung, in der einer gibt und einer nimmt und beide so tun, als wäre das Gleichgewicht. ⚖️
Ich schätze mich in diesen 3.5%.
Nicht aus Hochmut, sondern bewusst, weil ich das System des unreflektierten Gebens und Nehmens erkenne, weil ich es am eigenen Leib erlebt habe, und weil ich nicht mehr bereit bin, es als gegeben hinzunehmen.
Das bedeutet nicht, niemandem mehr zu vertrauen.
Es bedeutet, die Hand bewusst auf die Schatztruhe zu legen sowie zu schauen, bevor man gibt.
Zu fragen, bevor man handelt und diejenigen tief in der Truhe zu halten, die das auch umgekehrt tun.
Fast am Schluss…
Wenn du heute jemanden triffst, der gibt und gibt und leer dabei herausgeht und nicht versteht warum, dann ist die wirksamste Intervention keine Philosophie.
Es ist eine einzige Frage: «Darf ich dir eine Geschichte erzählen?»
Kein übergriffig-besserwisserisches: «ich weiss, was du brauchst.»
Kein klugscheisserisches: «lass mich dir erklären, was falsch läuft.»
Kein aufopferndes : «ich helfe dir.»
Sondern ganz simpel sowie direkt: «Ich frage dich, ob du willst.»
Diese Frage ist schon die Heilung, die sie vermitteln soll.
Sie zeigt, dass DU entscheidest.
Ich bin bereit, aber nicht aufdringlich.
Ich sehe dein Antlitz, bevor ich handle.
Und dann, ja dann erzähle ich meine Geschichte der «Zombie-Metapher» und der Schatulle.
Nicht als Ratschlag, sondern weil ich Hauptdarsteller war.
Weil ich es erlebt habe, und in diesem Erleben steckt mehr Wahrheit als in jedem Konzept.
Die eigentliche Frage
Warum tust du, was du tust?
Nicht was … das beantwortet der Lebenslauf.
Das Warum beantworten nur wir selbst, wenn wir ehrlich genug hinschauen.
Handelst du aus echtem Überschuss?
Handelst du aus Angst, nicht mehr gebraucht zu werden?
Handelst du aus Identität, die bricht, wenn du aufhörst zu geben?
Handelst du aus dem tiefen, unausgesprochenen Wunsch, endlich gesehen zu werden?
Und … siehst du das Antlitz des anderen, bevor du handelst, oder handelst du, bevor du schaust?
Es gibt keine falsche Antwort.
Es gibt nur ehrliche und unehrliche Antwort.
Die ehrliche ist der Anfang von allem.
Und, was ist deine Geschichte?
Darf ich sie hören?
La vita è bella! 😎
Herzlichst, dein/euer Metaformis aka Maurizio
PS:
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