Über drei Jahrzehnte Überfluss, was sie uns gekostet haben, und warum Helvetia gerade eine historische Karte in der Hand hält.
Es war früh morgens. Wer zu lange schlief, kam zu spät.
Die Backstube des Quartiers öffnete, der Duft von frisch gebackenem Brot zog die Strasse entlang. Wer das grobe Bauernbrot mit der dicken Kruste wollte, das dunkle wohlschmeckende Dinkelbrot oder den handgeflochtenen Zopf, der musste früh sein. Das wusste damals jedes Kind, jede Familie und jeder Haushalt.
Brot war gut, weil es begrenzt war. Weil jemand aufgestanden war, lange bevor die Welt wach wurde, und es mit den Händen gemacht hatte.
Und dann, an einem Freitagabend, die spontane Einladung für die Einladung. Apéro, ein guter Käse, Wein, Gesellschaft.
Schön, ausser dass das Brot, das dazugehört hätte, längst verkauft war. Was blieb, waren Ladenhüter, Stangenware, niemandes erste Wahl.Die delikaten Laibe, die handgemachten, waren fort.
Die Backstube wurde irgendwann in den späten 80ern am späten Nachmittag für einen letzten Feuerstoss reanimiert, für jene, die noch hofften.
Was folgte, war keine Lösung. Es war ein Kapitulationsangebot an die Bequemlichkeit. Halbfabrikate, tiefgekühlt, aufbackbereit, verfügbar wann immer und wo immer es Bedarf gab.
Das Regal blieb voll. Das Brot verlor seine Seele und niemand merkte es, weil der Hunger gestillt wurde.
Die Verfügbarkeitsmaschine und ihre stillen Kosten
Was damals mit dem Brot begann, wurde zur Blaupause einer ganzen Wirtschaftsphilosophie.
Alles, immer, überall und bitte Möglichst günstig.
Spargeln im Januar, importiert aus Übersee.
Erdbeeren in der Weihnachtszeit, zwar geschmacklos wie rotes Styropor, aber immerhin rot und irgendwie erdbeerhaft.
Tomaten aus den riesigen Hors-sol-Gewächshäusern in Almería, die winterliche Regale füllen, wässrig, gleichförmig, aber vorhanden, immer vorhanden.
Und dann die Kartoffeln mit dem grünen Bio-Siegel auf der Packung mit Herkunft Ägypten. Bio aus Ägypten. 🤔
Wer zwei Sekunden anhält und die graue Energie des Imports ehrlich dazurechnet, versteht, was von diesem Siegel zu halten ist.
Das ist kein Zufall.
Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen der Preis zum einzigen Mass aller Dinge wurde.
Produktion dorthin verlagert, wo die Löhne am tiefsten sind.
Lieferketten so weit gestreckt wie möglich, weil es funktionierte.
Lokales Wissen, lokale Manufakturen und lokale Fähigkeiten still aushöhlen lassen, weil der importierte Preis halt verführerisch war.
Die Doktrin und die Hirnzellenröster
Dann kam die Doktrin. Drei Worte, importiert aus dem grossen Kanton im Norden: «Geiz ist geil.»
Was damit geschah, war keine Preisrevolution.
Was damit geschah, war eine mentale Umprogrammierung.
Eine ganze Konsumkultur lernte, Preis und Wert gleichzusetzen, oder besser, den Wert ganz zu vergessen und nur noch den Preis zu sehen.
Zur Härtung dieses Zustands haben Mobiltelefone (aka Hirnzellenröster) gute Dienste geleistet.
Nicht weil das Gerät an sich schädlich wäre (oder doch?), sondern weil die Plattformen darauf dafür gebaut sind, Aufmerksamkeit zu fragmentieren, Reflexion zu verhindern und Konsum zu beschleunigen.
Wer dauernd scrollt, fragt nicht mehr nach Herkunft, Handwerk oder Haltung.
Gleichzeitig rollte, leise und mit dumpingpreisgetriebener Wucht, ein anderes Kapitel an … Asien.
Was in der Schweiz und in Europa über Generationen entwickelt worden war, an Handwerk, Präzision, Produktkultur, wurde fotografiert, vermessen, kopiert und in langen Mengen nachproduziert, zu einem Bruchteil des Preises. Als «Made in China» auf Widerstand stiess, wurde diskret «Made in P.R.C.» draufgedruckt.
«People’s Republic of China», ein anderes Kürzel für dieselbe Sache, für alle, die es nicht wussten.
Die Aufmerksamkeit der Konsumenten liess sich leicht überlisten, solange das Preisschild stimmte.
2020, der Spiegel, und das grosse Vergessen
Dann kam SARS-CoV-2 – und mit ihm die Rechnung.
Masken fehlten, Medikamente fehlten, Halbleiter fehlten, das Klopapier verlockte zu Hamsterkäufen, und und und.
Die Lieferkette, dieses scheinbar unzerstörbare Wunderwerk der Effizienz, zeigte ihre wahre Natur … zerbrechlich wie Glas, sobald auch nur ein Glied bricht.
Die Welt schaute kurz in den Spiegel.
Erschrak.
Und wandte sich dann, kaum waren die Schleusen wieder offen, sofort wieder ab.
Gelernt?
Kaum etwas.
Was 2020 als Warnung hätte gelten sollen resp. dienen dürfen, wurde zur Episode degradiert, sobald die Container wieder fuhren.
Doch jetzt, 2025 und 2026, flüstern die Regale erneut. Das Schild mit «Aktuell nicht lieferbar» steht da.
Die Preise klettern, still, stetig und über alle Kategorien.
Die geopolitischen Verwerfungen, neue US-Strafzölle, Konflikte, Klimaereignisse, all das addiert sich zu einem Signal, das diesmal lauter wird.
Was die Schweiz trotzdem tat
Und hier beginnt die andere Seite dieser Geschichte.
Denn während anderswo Produktionsbetriebe reihenweise schlossen, dem Dumpingdruck nachgaben und die Staatshilfe riefen, ist in der Schweiz etwas anderes passiert. Leise und ohne übertriebene Schlagzeilen.
Im Januar 2015 hob die Schweizerische Nationalbank die EUR/CHF-Untergrenze auf.
Über Nacht, ohne Vorwarnung. Der Franken schnellte hoch, Exporte verteuerten sich schlagartig, ganze Branchen standen unter akutem Überlebensdruck. Was folgte, war kein kollektives Jammern, kein Marsch auf den Bundesplatz. Stattdessen gedeihten Innovation, Prozessoptimierungn neue Marktsegmente und klügere Methoden.
Dann die US-Strafzölle,
erst in der ersten Trump-Ära, erneut und verschärft ab 2025, die Schweizer Präzisionsindustrie und Uhrenbranche direkt treffend. Wieder keine politische Hysterie, die irgendetwas verändert hätte. Wieder Anpassung, Kreativität und Resilienz.
Steigenden Rohstoff- und Energiepreise nach 2022,
ausgelöst durch den Ukrainekrieg, trafen Schweizer Produktionsbetriebe im Kerngeschäft. Energie ist ein zentraler Kostenfaktor für jede Manufaktur. Auch hier gedieh ernsthafte Auseinandersetzung mit Effizienz und kein Aufschrei.
Das Ergebnis?
Patrons, Unternehmerinnen und KMU-Inhaber, die heute in Ausschreibungen gegen Offerten aus dem nahen Ausland gewinnen.
Nicht weil sie billiger sind.
Weil sie besser sind und weil sie investiert, optimiert und ihren Namen an ihre Produkte geheftet haben.
Weil sie Qualität nicht als Versprechen verstehen, sondern als Haltung leben.
Das ist Helvetia-Stolz.
Nicht als Slogan, sondern als Tatsache.
Was konkret getan werden kann, heute, sofort
Die gute Nachricht, es braucht keine Revolution.
Es braucht Bewusstsein und eine Entscheidung nach der anderen.
Wer Durst hat, muss das nicht zwingend mit einer Marke aus Atlanta stillen.
Vivicola aus Eglisau ist ein Schweizer Cola, handwerklich produziert, regional verwurzelt, mit einer Haltung dahinter, die sich in jedem Schluck unterscheidet.
Wer seine Daten und Kommunikation in die Cloud gibt, muss das nicht mit einem amerikanischen Grosskonzern tun.
Proton aus Genf, Infomaniak, ebenfalls aus Genf, Nextcloud als europäische Open-Source-Lösung sind alle valable Alternativen zu Office 365, die in puncto Datenschutz nicht bloss gleichwertig, sondern überlegen sind.
Wer schreibt und kommuniziert, und das tut heute jeder, braucht nicht blökend zu Meta-WhatsApp zu wechseln, jenem Dienst, der auf denselben Servern läuft wie das frühere Facebook, das einst Nutzerdaten an Dritte weitergab.
Die Nutzer hatten die AGB akzeptiert, ohne sie zu lesen, «viel zu lang, keine Zeit». Und, als der Skandal aufflog, war das Entsetzen gross. Threema aus dem Kanton Zürich bietet peer-to-peer-Verschlüsselung, klare Kommunikation ohne Gruppenchaos, und einen Sitz, bei dem man weiss, wo er ist.
Und dann das Geld.
Visa, Mastercard, Diners, American Express, allesamt mit Sitz in den USA. Twint, mit einem ursprünglich löblichen Ansatz gestartet, gehört inzwischen zu 20 Prozent Worldline, einem Unternehmen mit Sitz in La Défense ausserhalb von Paris. Immerhin noch Europa, mag mancher sagen. Bescheiden als Antwort.
Bargeld, echtes physisches Bargeld, ist gedruckte Freiheit. Ein Vordenker hat das einmal so formuliert, und es stimmt präziser denn je.
Wer es digital und wertbasiert möchte, findet in VERD.cash von VERD.swiss eine Alternative, die nicht aus Gewinn-, sondern aus Zweckdenken geboren wurde, getragen von einer Genossenschaft, damit die Werte auch nach dem Erfolg Bestand haben.
Der Appell
Das leere Regal ist kein Ärgernis.
Das leere Regal ist eine Einladung.
Nicht zur Romantik, nicht zu einem nostalgischen Kult um das Handgemachte.
Sondern zur Vernunft und zur einfachen Frage:
Wer steht hinter dem, was hier gekauft wird?
Wohin fliesst das Geld «cui bono»?
Was entsteht daraus, im Kreislauf, in dieser Wirtschaft, in dieser Gesellschaft?
Helvetia-Stolz bedeutet nicht, blind zu kaufen, was ein Schweizerkreuz trägt.
Helvetia-Stolz bedeutet, bewusst hinzuschauen, wo Handwerk, Manufaktur und Haltung dahinterstecken, und diesen Betrieben zu geben, was sie verdienen, nämlich deine Nachfrage.
Das Brot von damals war knapp. Deshalb war es gut.
La vita è bella, auch wenn das Regal mal leer ist.
Manchmal gerade dann.
Über mich
Als Metaformist (gerne forme und erschaffe ich auf der Meta-Ebene) kann ich zwar recht gut verzeihen, doch wie ein Elefant nicht vergessen. So trage ich hier gerne Gedankenreisen zusammen, welche ich niederschreiben mag.
Für mich – für dich – für uns.
Denn wir Menschen haben eines grandios – wir haben (oder hätten?) eine Erinnerung.
Wenn wir uns die Zeit schenken, die Erinnerungen zu sortieren, gewichten und mit Aktuellem zu vernetzen, würden wir Grandioses erschaffen.
Bist du hier mit an Bord?
La vita è bella! 😎
Herzlichst, dein/euer Maurizio