Drei Gedanken, die mich nicht loslassen.
Es war der vergangene Samstagnachmittag, wie aus einem anderen Aggregatzustand.
Einer meiner Passions-Hotspots im Quartier, das Licht fiel schräg, der Portwein war exquisit und die Menschen um den Tisch waren von jener Sorte, für die man dankbar ist, sie kennen zu dürfen.
Kurz, die Art von Runde, die man nicht plant, sondern die einfach entsteht. Organisch, wie gute Gespräche eben entstehen.
Und doch – da war sie.
Diese bleierne Schwere, die sich dieser Tage überall einschleicht, ungebeten und hartnäckig wie feuchte Kälte im November oder Schneeregen im März.
Die Weltlage hatte sich hingesetzt.
Niemand hatte sie eingeladen.
Aber sie sass.
Worte flogen über den Tisch. Grosse Worte. Wichtige Worte. Worte aus Parlamenten und Pressebriefings, aus Strategiepapieren und Spitzengesprächen.
Worte, die glänzten wie Seifenblasen im Nachmittagslicht – schillernd, leicht, angenehm warm in ihrer Nichthaltigkeit.
Bis sie platzten … lautlos, wie sie es immer tun..
Dann passierte etwas, das ich liebe und das mich gleichzeitig immer wieder überrascht:
– aus dicker Luft wurde Klarheit
– aus Schwere wurde Energie.
Nicht weil jemand die Welt schöngeredet hätte, sondern weil drei Gedanken plötzlich mehr waren als Gedanken.
Sie wurden Haltung.
Die Inflation der Worte
Dies als erster Gedanke
Karl Kraus – der grosse österreichische Satiriker, Sprachpfleger und ewige Unbequeme – hat sein Leben damit verbracht, den Verfall der deutschen Sprache zu geisseln.
Sein Kernbefund:
«Wenn Sprache aufhört zu beschreiben und beginnt zu verschleiern, stirbt mit ihr das Denken.»
George Orwell kam Jahrzehnte später zum gleichen Schluss, und nannte es schlicht politische Sprache:
Sie sei darauf ausgelegt,
Lügen wahr klingen zu lassen und
Mord respektabel erscheinen zu lassen.
Heute, in einer Welt, in der jeder «leidenschaftlich transformiert», «nachhaltig Mehrwert schafft» und «ganzheitlich auf Augenhöhe kommuniziert» – was bedeuten diese Worte noch?
Nichts.
Sie sind inflationiert wie eine Währung, die niemand mehr drucken kann, ohne sie zu entwerten.
Worthülsen wärmen die Luft.
Mehr nicht.
Die eigentliche Frage aber ist nicht, wer die nächste Blase produziert.
Die eigentliche Frage ist:
– wer sitzt am Tisch und benennt es?
– wer wählt Worte mit Wärme und Wirkung, anstelle von warmer Luft ohne Substanz?
Das ist kein rhetorischer Luxus.
Das ist Haltung.
Die Erde macht keine Fehler
Dies als zweiter Gedanke
James Lovelock beschrieb in den 1970er-Jahren (aka mein Jahrgang) die Erde als Gaia, als ein selbstregulierendes System, das kein Interesse an uns hat. Nur an seinem eigenen Gleichgewicht.
Was wir «Naturkatastrophe» nennen, ist aus Erdsicht schlicht «Homöostase».
Die Erde macht keine Fehler.
Die Erde korrigiert nur unsere.
Dies ohne Zorn sowie ohne Mitleid.
Jedoch mit der unerbittlichen Konsequenz eines Systems, das seit Milliarden von Jahren weiss, was es tut und Zinseszins kennt.
Es wäre leicht, diesen Gedanken als ökologisches Manifest abzutun.
Aber er trägt weiter.
Was wäre, wenn wir Organisationen, Teams sowie Projekte genauso dächten?
Nicht Schuldige suchen, wenn etwas schiefläuft.
Nicht Fehler als persönliches Versagen deuten.
Sondern fragen:
– wo ist das Ungleichgewicht?
– eas hat das System aus dem Gleichgewicht gebracht und was braucht es, um sich selbst zu korrigieren, bevor es das auf seine eigene, wenig komfortable Art tut?
Systeme korrigieren sich.
Immer.
Die Frage ist nur, ob wir dabei aktiv gestalten oder passiv erleiden.
Das Licht und die Dunkelheit
Dies als dritter Gedanke
Viktor Frankl hat diesen Gedanken nicht geschrieben.
Viktor Frankl hat diesen Gedanken gelebt.
Gelebt in den Lagern, im Verlust, im absoluten Nullpunkt menschlicher Würde.
Viktor Frankl kam heraus mit einer Erkenntnis, die kein Seminar lehren kann:
Wer das Äusserste an Dunkelheit durchschritten hat,
erfährt Licht mit einer Intensität, die Unversehrte schlicht nicht kennen.
Carl Gustav Jung nannte es den Schatten.
Khalil Gibran – in seiner poetischen, beinahe atemraubenden Art – beschrieb Freude und Schmerz als untrennbares Paar, das gemeinsam aus derselben Quelle trinkt.
Alle drei meinten dasselbe.
Tiefe Dankbarkeit, echte Freude sowie wirkliche Klarheit – die gibt es nicht zum Nulltarif.
Die sind bezahlt, in harter Währung und Erfahrung.
Echtheit ist keine Selbstverständlichkeit – sie ist eine Investition.
Wer sie besitzt, hat in der Summe oft verdammt viel dafür hingelegt.
Und – genau deshalb trägt sie Zinsen, die keine Seifenblase je auszahlt.
Der Schwenk am Tisch bei Blauschimmelkäse und Portwein
Irgendwann an diesem Samstagnachmittag, zwischen dem zweiten Portwein und dem leiser werdenden Strassenlärm, drehte sich etwas.
Die bleierne Schwere hob sich nicht durch Beschönigung.
Die bleierne Schwere hob sich durch Benennung.
Durch Worte, die landeten, anstatt aufzusteigen wie Seifenblasen.
Durch Haltung, anstelle von Haltlosigkeit.
Durch drei Gedanken, die plötzlich mehr waren als Gedanken – nämlich Werkzeug.
Nicht für die grosse Weltbühne, sondern für den eigenen Tisch.
Den eigenen Alltag.
Die eigene Organisation.
Die 3,5%-These.
Die Sozialwissenschaftlerin Erica Chenoweth hat belegt, dass 3,5% einer Bevölkerung, die konsequent und gewaltfrei handeln, Systeme verändern können – war an jenem Nachmittag ebenfalls präsent.
Nicht als Statistik, sondern vielmehr als Ermutigung.
Es braucht keine Mehrheit.
Es braucht Entschlossenheit.
Sapere aude
Sapere aude. Immanuel Kant hat diesen Satz nicht erfunden – aber er hat ihm seine bekannteste Form gegeben.
«Wage es, deinen eigenen Verstand zu benutzen.»
Nicht den der Lautesten.
Nicht den der Bequemsten.
Nicht den der Blaseninflationisten.
DEINEN!
Der Weg vom reinen Hirnbesitzer zum wertbringenden Hirnbenutzer ist kein langer.
Aber er braucht den ersten Schritt Und manchmal braucht er einen Samstagnachmittag, Portwein, Blauschimmelkäse sowie gute Menschen und drei Gedanken, die sich weigern, loszulassen.
Welcher der drei Gedanken hat dich heute erwischt?
Und – falls du merkst, dass in deiner Organisation Worthülsen die Luft wärmen, Ungleichgewichte unbenannt bleiben und das Licht gerade etwas weit weg scheint, dann ist das womöglich der Moment, wo jemand wie ich an deinen Tisch gehört.
Kein Seifenblasen-Spielzeug.
Kein PR-Aufbau für Fassaden.
Sondern Klartext, Haltung und Umsetzung.
Projektretter. Herzmensch. Umsetzungsmaschine. – tondolo.ONE
Auf LinkedIn, mein einziger Kanal der (a)sozialen Medien, welche ich aktuell bediene, habe ich eine Kurzfassung dazu publiziert. Wenn du also auf LinkedIn mit mir in Kontakt treten magst, ein Klik auf den Link hier rechts, und du bist am Ziel angelangt: https://www.linkedin.com/pulse/worte-erde-und-dunkelheit-drei-gedanken-die-mich-nicht-tondolo-xtkse
La vita è bella! 😎
Herzlichst, dein Metaformist und Gedankenreisender, aka Maurizio