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… und warum uns das teuer zu stehen kommt.

Essay · Lesedauer ca. 15–20 Minuten

«Der Opportunist weiss immer, wohin der Wind weht.
Er fragt sich nur nie, woher er kommt und was er auf seinem Weg zerstört.»


CH-Urnengang am Weltfrauentag als ein Spiegel

Es war kein gewöhnliches Wochenende. Während die Welt am So., 08.03.2026 den Internationalen Frauentag beging, strömten die Schweizerinnen und Schweizer zur Urne. Abstimmungen, Wahlen, Resultate.

Das übliche Spiel … Jubel auf der einen Seite, Enttäuschung auf der anderen.
Fäuste geballt vs. Champagner geköpft und schon beginnt die Maschinerie für das nächste Gefecht.

Was dabei auffällt, nicht nur dieses Mal sondern immer wieder, die Mobilisierung folgt einem Muster.
Jene, die am lautesten rufen, rufen selten für das grosse Ganze. Sie rufen für ihre Mühle, ihr Wasser, ihre Lobby.

Und das mit einer Hingabe und Professionalität, die fast schon respekteinflössend sich manifestiert, wenn sie nicht so verheerend folgenreich wäre.

Dieser Text ist keine Abrechnung mit einer bestimmten politischen Seite. Er ist vielmehr eine Einladung, einen Schritt zurückzutreten und das Grundmuster zu betrachten, das sich quer durch das politische Spektrum zieht.

Ich spreche vom Opportunismus und seinen wahren Namen, dem Egoismus.


Opportunismus als Chamäleon der Moral

Das Wort klingt harmlos, fast schon elegant. «Opportunist» als jemand, der Gelegenheiten nutzt.
Im Lateinischen steckt «opportunus» im Ursprung, dies für günstig, gelegen.
Wer könnte da schon etwas dagegen haben, günstige Gelegenheiten zu nutzen?

Viel, wie sich herausstellt.

Die Philosophie unterscheidet seit Jahrhunderten zwischen taktischem Anpassen – das durchaus sinnvoll und sogar weise sein kann – und dem systematischen Ausblenden der Folgen für andere. Aristoteles sprach von der «Phronesis», der praktischen Klugheit. Sie impliziert nicht nur das Wissen um den eigenen Vorteil, sondern auch das Wissen um die Wirkung des eigenen Handelns auf das Gemeinwesen.

Einem Opportunisten in der modernen Bedeutung fehlt es an genau diesem zweiten Teil.

Der politische Opportunismus, wie wir ihn heute erleben, hat eine bestechende Struktur, denn er tarnt sich als Pragmatismus. Er nennt sich «Interessen vertreten». Er wird von bezahlten Fachleuten in den Rang einer Tugend erhoben und er funktioniert, zumindest kurzfristig, für jene, die in der richtigen Position sitzen.

Was er aber unweigerlich produziert, ist eine Logik, die in jedem Spieltheoretiker sofort den Nackenreflex auslöst, nämlich das Nullsummenspiel.


Der elegante Name für Egoismus

Nennen wir es beim Namen.
Opportunismus im politischen und gesellschaftlichen Kontext ist, in seiner reinsten Form, organisierter Egoismus.

Der Unterschied zum individuellen Eigennutz liegt lediglich in der Verpackung.
Beim privaten Egoismus sagt jemand «Ich will das für mich».
Beim politischen Opportunismus sagt eine gut bezahlte Kommunikationsabteilung, «Wir setzen uns für die Interessen von X ein» und meint dasselbe.

Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist Sozialpsychologie pur.

Der Psychologe Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und Begründer der Verhaltensökonomie, hat in Jahrzehnten der Forschung gezeigt, dass Menschen von Natur aus kurzfristig denkend. Sie sind verlustscheu und gruppenorientiert.
Wir bevorzugen den unmittelbaren Gewinn gegenüber dem langfristigen Nutzen.
Wir empfinden Verluste stärker als gleichwertige Gewinne und
wir identifizieren uns mit unserer «Gruppe» und misstrauen ‚den anderen‘.

Lobbying, PR-Kampagnen und politisches Marketing nutzen genau diese Verdrahtung unseres Gehirns. Sie machen den Eigennutz anschlussfähig und sie kleiden ihn in die Sprache des Gemeinwohls.
Sie verkaufen uns «unsere Interessen» als einzig vernünftige Option und bringen uns dazu, jeden zu verdächtigen, der es anders sieht. Und wieder unser geliebtes «divide et impera», dem Teile und Herrsche.

Das Perfide daran ist, dass es funktioniert.
Nicht weil die Menschen dumm wären, sondern weil die Mechanismen so gut gebaut sind und perfektioniert werden.


Das Nullsummenspiel, denn jeder Sieg kostet jemanden etwas

Hier liegt der Kern des Problems und hier schmerzt es am meisten, wenn man ehrlich hinschaut.

Ein Nullsummenspiel ist eine Situation, in der die Gesamtheit des «Kuchens» fixiert ist. Was einer gewinnt, verliert ein anderer.
Anders als beim positiven Summenspiel – wo alle gewinnen können, weil der Kuchen wächst – ist beim Nullsummenspiel jeder Sieg automatisch mit einer Niederlage verbunden.

In der Theorie ist Politik nicht notwendigerweise ein Nullsummenspiel.
Kluge Gesetzgebung, Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, das alles kann theoretisch den Gesamtkuchen vergrössern. Alle können gewinnen.

In der Praxis wird Politik aber sehr häufig als Nullsummenspiel gespielt. Das ja, aus einem einfachen Grund, denn es ist kurzfristig effizienter.
Wenn ich mir nehmen kann, was ich brauche, muss ich nicht in das mühsame Geschäft des gemeinsamen Aufbaus investieren.
Wenn ich meine Lobby finanzieren kann, muss ich keinen Konsens suchen und eingehen.
Wenn ich die Abstimmung gewinne, gewinne ICH. Punkt.

Was dabei übersehen wird, die Verlierer gehen nicht einfach nach Hause. Sie kommen wieder.
Mit ihrer eigenen Lobby, ihrer eigenen Kampagne, ihrem eigenen Budget und der Kreislauf beginnt von vorn.
Teurer, polarisierter, ggf. populistischer und bestimmt destruktiver.

Das Schweizer Politiksystem, so direkt und partizipativ es ist, ist nicht immun gegen diesen Mechanismus. Im Gegenteil.
Die Volksinitiative und das Referendum sind wunderbare Instrumente der Demokratie und gleichzeitig bevorzugte Spielfelder für gut finanzierte Interessengruppen.


Die Lobby-Maschinerie resp. wenn Geld die Debatte kauft

Sprechen wir über Geld, weil ohne diese Dimension das Bild unvollständig bleibt.

Lobbying ist legal. In vielen Demokratien ist es sogar gesetzlich geregelt und transparent gemacht.
Das Recht auf Interessenvertretung gehört zur Meinungsfreiheit.
Kein ernstzunehmendes politisches System kann darauf verzichten.

Die Frage ist nicht, ob Interessengruppen ihre Anliegen vertreten dürfen.
Die Frage ist vielmehr, was passiert mit der Demokratie, wenn die Finanzkraft eine Seite systematisch begünstigt?

Die Antwort ist empirisch belegt und trotzdem schwer zu verdauen.
Politische Entscheide korrelieren in vielen Demokratien stärker mit den Präferenzen von Unternehmen und wohlhabenden Interessengruppen als mit den Präferenzen der Gesamtbevölkerung.

Das ist keinesfalls ein linkes Narrativ, das ist eine Erkenntnis der politikwissenschaftlichen Forschung, unter anderem aus der vielzitierten Studie von Gilens und Page aus dem Jahr 2014 für die USA.

In der Schweiz ist das System anders. Es manifestiert sich direkter, dezentraler, mit starken Korrektiven.
Aber auch hier gilt, wer eine Volksinitiative lancieren, professionell bekämpfen oder mit schweizweiten Inseratekampagnen begleiten will, braucht Millionen. Und … wer Millionen hat, spielt das Spiel mit ganz anderen Karten.

Das Problem ist nicht die Existenz von PR-Kampagnen.
Das Problem ist, wenn die PR-Kampagne nicht mehr informiert, sondern manipuliert.
Wenn sie nicht mehr erklärt, sondern Angst produziert.
Wenn sie nicht mehr überzeugt, sondern verwirrt. Dies oft strategisch, gezielt, mit Expertenwissen über kognitive Verzerrungen im Gepäck.

Und dann? Ja dann wird einem fast schlecht, also mir zumindest, wenn man das Ganze mit der nötigen Distanz betrachtet. Nicht weil es unbekannt wäre, sondern weil es so unverhohlen läuft.


Der blinde Fleck und wenn das «Ich» das «Wir» vergisst

Es wäre zu einfach, das Problem nur bei den grossen Playern zu suchen.
Bei den mächtigen Lobbys, den reichen Interessengruppen, den professionellen Spin-Doktoren.
Diese Sündenböcke sind bequem und lenken uns von einer unbequemeren Wahrheit ab.

Wir ALLE spielen das Spiel.
In kleinerem Massstab allenfalls, aber nach denselben Regeln.

Wir stimmen für Massnahmen, die uns persönlich begünstigen und andere belasten und nennen es «vernünftige Politik».
Wir lehnen Reformen ab, die uns kurzfristig kosten würden, obwohl sie langfristig dem Ganzen nützen würden und nennen es «Verantwortungsbewusstsein».
Wir mobilisieren unsere Bubble, teilen Artikel, die unsere Meinung bestätigen, und nennen es «informiertes Bürgertum».

Die Sozialpsychologie hat für dieses Phänomen verschiedene Begriffe, nämlich Eigengruppen-Bevorzugung, Bestätigungsfehler, Parallelgesellschaft resp. Verlustangst.
Alle laufen auf dasselbe hinaus, unser Gehirn ist darauf ausgelegt, das Eigene zu schützen. Das war evolutionär sinnvoll.

In einer komplexen Demokratie mit 8 Millionen Menschen
und globalen Verflechtungen reicht es nicht mehr aus.

Das Paradox ist schmerzhaft.
Je mehr alle nur für sich kämpfen, desto weniger haben am Ende alle.

Das Gemeinwesen, das uns alle trägt — Infrastruktur, Rechtssystem, soziale Sicherheit, Bildung, saubere Luft, etc. — ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis von Entscheidungen, die jemand vor uns getroffen hat.

Oft mühsam, oft im Kompromiss, oft auf Kosten kurzfristiger Eigeninteressen.


Was es uns wirklich kostet und die versteckte Rechnung

Ökonomen sprechen dabei von «externen Kosten».
Kosten, die jemand verursacht, aber nicht selbst trägt.

Ein Unternehmen, das seinen Produktionsmüll in den Fluss kippt, spart Entsorgungskosten.
Die Rechnung zahlt die Gesellschaft.
Dasselbe Prinzip gilt im politischen Opportunismus.

Wenn eine gut finanzierte Lobby eine Massnahme blockiert, die Kinderarmut reduzieren würde, spart sie Steuern.
Die Kosten – für betroffene Familien, für das Bildungssystem, für die langfristige Produktivität des Landes – zahlt die Gesellschaft.

Wenn eine andere Lobby Umweltauflagen schwächt, schützt sie kurzfristig Gewinne.
Die Rechnung kommt – in Form von Klimakosten, Gesundheitskosten, Flutschäden – Jahre oder Jahrzehnte später.

Diese Rechnung ist real. Und sie wächst.

Doch es gibt auch immaterielle Kosten, die schwerer zu messen, aber nicht weniger relevant sind.
So z.B. as Vertrauen in die Demokratie.
Das Gefühl, dass die eigene Stimme zählt und die Überzeugung, dass das System grundsätzlich fair ist.

Wenn Menschen das Gefühl haben, dass Entscheide nicht von der Mehrheit, sondern vom Geld getroffen werden, dann ziehen sie sich zurück.
Sie gehen nicht mehr zur Urne oder sie wählen aus Frustration Extreme.
Beides ist ein Symptom desselben Grundproblems das lautet: «das Vertrauen ist weg.».

Und – einmal verloren, ist Vertrauen erschreckend schwer zurückzugewinnen.


Das grosse Ganze und was wäre, wenn…?

Es ist leicht, das Problem zu beschreiben.
Es ist schwerer, eine Alternative zu denken, ohne in naive Utopie zu verfallen.

Trotzdem … versuchen wir es.

Was wäre, wenn politische Entscheidungsträger sowie die Bürgerinnen und Bürger, die sie wählen, bei jeder Abstimmung systematisch die Frage stellten:
«Was kostet das diejenigen, die hier nicht am Tisch sitzen?»

Die Kinder, die noch nicht wählen können.
Die Generationen, die noch nicht geboren sind.
Die Minderheiten, deren Stimme zu leise ist für das professionelle Lobbying.

Das ist keine Fantasie. Es gibt Länder und Institutionen, die genau das versuchen.
Der Wohlfahrtsausschuss in Wales ist per Gesetz verpflichtet, die Interessen zukünftiger Generationen zu berücksichtigen. Neuseeland hat ein «Living Standards Framework», das Regierungsentscheidungen über rein wirtschaftliche Kennzahlen hinaus bewertet.
Die Schweiz selbst hat mit dem Verfassungsartikel zur Nachhaltigkeit (Art. 73 BV) zumindest die Absichtserklärung im Grundgesetz verankert.

Das sind keine Patentlösungen. Aber sie zeigen, dass es möglich ist,Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass das grosse Ganze nicht vergessen wird.
Es braucht dazu keinen moralischen Superhelden, sondern kluge institutionelle Rahmenbedingungen, die egoistische Kurzfristentscheide teurer machen und gemeinwohlorientiertes Denken belohnen.

Weiter braucht es, das lässt sich nicht wegdiskutieren, Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, gelegentlich auch dann zur Urne zu gehen, wenn das Ergebnis ihrem unmittelbaren Eigeninteresse nicht nützt.


(M)ein Appell, dies ohne erhobenen Zeigefinger

Dieser Text will niemanden belehren.
Dieser Text will aufmerksam machen – aufmerksam auf das Muster

Die nächste Abstimmung, die nächste Kampagne, das nächste Inserat etc., schau hin.

Frag doch:
– Wem nützt das oder eben «cui bono»?
– Wer zahlt dafür?
– Wer trägt die Kosten, die hier nicht genannt werden?
– Was würde ich wählen, wenn ich nicht nur an heute, nicht nur an mich und nicht nur an meine Gruppe denken würde?

Das ist keine Aufforderung zum Selbstverzicht.
Dsas ist eine Einladung zur Erweiterung des Blickwinkels.

Denn die Frage ist nicht: «Soll ich für meine Interessen einstehen?» Selbstverständlich ja.
Die Frage ist vielmehr: «Bin ich bereit, auch die Interessen der anderen in meine Gleichung aufzunehmen?»

Weil diese anderen als die Schwächeren, die Stilleren, die Abwesenden. etc. irgendwann wieder zu Verbündeten werden könnten.
– Oder zu einer Mehrheit.
– Oder zu den nächsten Kindern, die in dieses Land hineingeboren werden und von dem erben, was wir ihnen hinterlassen.

Opportunismus ist Egoismus — ja.
Aber Egoismus, der langfristig denkt, erkennt hoffentlich irgendwann, dass das grosse Ganze zu seinem eigenen Wohl gehört.

Das ist kein Idealismus.
Das ist bloss eine etwas weitere Version von Eigeninteresse.

Vielleicht fangen wir damit an. Am Besten heute noch.

Bist du dabei?

La vita è bella! 😎
Herzlichst – dein Metaphormist und Gedankenzusammenführer namens Maurizio.

PS
Wenn du darüber mit mir sinnieren magst oder sonst mir mir ins Gespräche kommen magst, meine Kontaktdaten sind hier auf der Webseite aufgeführt. Ich freue mich auf tiefgreifende, Waagschale ausbalancierende Gespräche und Projekte.

PPS
Auf LinkedIn habe ich dazu eine sehr gekürzte Version publiziert.
Ggf. magst du da mit mir diskutieren zum Thema?
Ja, dann gehts hier lang, mit klick auf den Link hier rechts: https://www.linkedin.com/pulse/jeder-sieg-produziert-automatisch-eine-niederlage-maurizio-tondolo-wyu1e